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In den Sechzigern verharrt

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Charismatisch: Sänger und Flötist Ian Anderson von Jethro Tull. Foto: Hermann PentermannCharismatisch: Sänger und Flötist Ian Anderson von Jethro Tull. Foto: Hermann Pentermann

Auf 41 Jahre, 22 Alben und weit mehr als 200 Kompositionen blickt Jethro Tull zurück. Wenn sie wollten, könnten die vielseitigen Rocker ohne Probleme einen ganzen Konzertabend mit Klassikern bestücken. Am Samstagabend in Osnabrück wollten sie jedoch nicht.

„Living in the Past“, „Sweet Dream“, „Too old to Rock ’n’ Roll: Too young to die”, „Teacher”, „Budapest” – die Liste der bei Tull-Fans unvergesslichen und heiß geliebten Lieder ließe sich mühelos fortsetzen. Alle erwähnten haben etwas gemeinsam: Die Konzertbesucher an der Halle Gartlage mussten auf sie verzichten.

Doch der Reihe nach: Pünktlich um halb acht trat Ian Anderson auf die Bühne. Ganz schottischer Gentleman, kündigte der geniale Kopf von Jethro Tull den Auftritt von Saori Jo an, einer jungen Frau mit schöner Stimme und flinken Klavierhänden.

Die zierliche Sängerin hat ohne Frage Talent, rechte Stimmung kam unter den geschätzt 1500 Zuschauern aber erst auf, als Anderson und zwei weitere Tull-Mitglieder ihr musikalisch beiseitesprangen.

Wenig später übernahm die Hauptattraktion dann komplett das Kommando. Schon der Opener „Nothing is Easy“ gab die Richtung vor. Er stammt vom 1969er-Album „Stand up“, dem Werk, mit dem sich Tull auf den Weg machte, von einer reinen Blues-Band hin zum Progressive Rock mit Folk-Elementen, der sie berühmt gemacht hat.

Doch wer nun hoffte, dieser Weg werde auch an diesem Abend beschritten, wurde enttäuscht. Die Band verharrte in den Sechzigern. Von den ersten zehn Liedern stammten zwei vom Blues-Debüt-Album „This was“ und acht (!) von „Stand up“, darunter mit „Back to the Family“ einer ihrer „schlechtesten Songs überhaupt“ (Ian Anderson). Eine eigenartige Form von Konsequenz.

Zur Klarstellung: Die Band wirkte keinesfalls lustlos oder gar ausgebrannt. Im Gegenteil, David Goodier (Bass), Doane Perry (Schlagzeug), John O’Hara (Piano) und vor allem das Tull-Urgestein Martin Barre (Gitarre) spielten exzellent. Dazu turnte der charismatische Anderson mit weit aufgerissenen Augen wie ein Irrwisch auf der Bühne herum, machte sich gut gelaunt über seine Kumpanen und Mahmud Ahmadinedschad lustig und holte Töne aus seiner Flöte, wie nur er es vermag.

Und auch wenn sich der 61-jährige Barde über die Jahre ein paar Extra-Kilos zugelegt hat, den einbeinigen Gaukler kann er immer noch. Einzig die Stimme hat die Jahrzehnte nicht schadlos überstanden. Wohl ein Grund dafür, dass der Sänger – auch bei manchem Klassiker – leicht verspätet nachzog.

Klassiker? Ja, nach einer knappen Stunde widmeten sich die fünf mit „Heavy Horses“ endlich dem bekannteren Teil ihres Schaffens. Auf „Farm on a Freeway” von der erfolgreichsten Tull-CD „Crest of a Knave” (1987) und dem bombastischen „Thick as a Brick” folgte der Höhepunkt: Bei „Aqualung” ging es auf der Bühne wie davor richtig ab – und dann war plötzlich schon fast alles vorbei.

Nachdem das unvermeidliche (und großartige) „Locomotive Breath“ das Publikum endlich auf Höchstgeschwindigkeit gebracht hatte, kam die Vollbremsung. Ein Gruß und tschüss.


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