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Amerika und Iran im schönsten Frieden

Das Tehran Symphony Orchestra hat am Sonntagabend das diesjährige Morgenland Festival eröffnet. Vor rund 1400 Besuchern leistete das Orchester unter der Leitung seines Chefdirigenten Nader Mashayekhi seinen Beitrag zum Austausch der Kulturen.

Es geht um Leidenschaft, und um das zu spüren, muss man kein Persisch verstehen. Für die meisten Gäste in der Stadthalle formen sich die Worte der persischen Dichter Sáadi, Hafez und Atare Neishaboori zu ebenso exotischen wie abstrakten Lautmalereien. Doch die Stimme Salar Aghilis klagt und fleht, windet und biegt sich und lässt keinen Zweifel aufkommen, dass es hier um die ganz großen Gefühle geht: um die Liebe in ihrem spirituellsten Sinn. So berührend kann Neue Musik sein.

"fié ma fié III" heißt die Komposition, die Nader Mashayekhi, der Chefdirigent des Tehran Symphony Orchestra, zur Eröffnung des Morgenland Festivals geschrieben hat. Und als wolle er das Spannungsfeld aufzeigen, in dem sich dieser Klangkörper bewegt, hat er seinem Werk die "Dog Breath Variations" von Frank Zappa vorangestellt. Amerika und Iran - was in der Politik hässlichste Dissonanzen produziert, findet in der Musik mit größter Selbstverständlichkeit zusammen. Die schleichenden, verdrehten Rockgrooves Zappas schaffen ein stimmiges Entrée in Mashayekhis weite Klangräume.

Die Ökonomie, mit der er die Mittel des Symphonieorchesters einsetzt - liegende Töne, fein geschichtete Klangtrauben und ein filigran gewebtes Percussion-Netz - lassen der Improvisation viel Raum. Den füllt Harir Shariatzadeh mit ihrem pulsierenden Spiel an der Daf, der kreisrunden persischen Rahmentrommel, und Salar Aghili mit seinem von sparsamen Orchesterklängen unterlegten Gesang. Wie tief dieses friedliche Nebeneinander westlicher Avantgarde - Mashayekhi hat fast drei Jahrzehnte in Wien gearbeitet - und persischer Tradition berührt, zeigt der euphorische Applaus des Publikums.

West-östliche Koexistenz durchzog das gesamte Programm des Tehran Symphony Orchestra. Peter Tschaikowskys "Romeo und Julia" trafen sich so nicht unter den Balkonen Veronas, sondern in der schwirrenden Luft Persiens: Liebesfreud und -leid sind eben universelle Phänomene. Nur die Ausprägung ist eine andere: Die Geigen klingen rauer, als es westliche Ohren gewohnt sind, das Blech trumpft mitunter gewaltig auf. Doch das Orchester zeigt damit, dass es sich eben nicht auf persische Musik spezialisieren will, sondern der symphonischen Tradition verpflichtet ist. Ganz im Sinne von Mohammed Mehdi Akhonzadeh, dem iranischen Botschafter, der in seiner Begrüßungsrede vom Dialog der Kulturen sprach.

Deshalb macht es auch Sinn, dass das iranische Orchester Beethovens siebte Symphonie aufs Programm setzte. Denn Beethoven gehört nun einmal zum Standardrepertoire eines jeden Orchesters auf der ganzen Welt. Und das Tehran Symphony Orchestra machte deutlich, dass es die Tonsprache Beethovens nicht nur versteht, sondern sie mit großer Energie umzusetzen weiß. Einer Energie, die sich in Applaus nach jedem einzelnen Satz Luft machte, den die Musiker zwar mit ernstem Gesichtsausdruck, aber auch großer Freude entgegennahmen.


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