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Anarchist in Obhut des Königs Richard Wagners Leben war so aufregend wie widersprüchlich – Ein kleines Brevier


Osnabrück. Richard Wagners Leben ist wie ein Querschnitt der Geschichte des 19. Jahrhunderts – mit Folgen bis in unsere Zeit. Ein kleines Brevier beleuchtet zentrale Aspekte.

Anarchie. Als junger Mann hing Wagner revolutionären, um nicht zu sagen: anarchistischen Ideen nach. Frei nach dem Motto „Macht kaputt, was Euch kaputt macht“ zerstören Tannhäuser, Tristan, Siegmund und Sieglinde bestehende Ordnungen. Kunst und Wirklichkeit durchdringen sich dabei stark – beim Maiaufstand 1849 in Dresden stand Wagner an der Seite des -› anarchistischen Vordenkers Michail Alexandrowitsch Bakunin auf den Barrikaden. Danach war er steckbrieflich gesuchter Staatsfeind, der ein paar Jahre später Zuflucht fand unter den Fittichen -› Ludwigs des II fand.

Bayreuth. In der nordbayerischen Peripherie durfte Wagner das Geld von -› Ludwig II. verbraten, um seinen Traum vom -› Festspielhaus und den Festspielen zu verwirklichen. Auch fand er in der Villa -› Wahnfried Heimat und seine letzte Ruhestätte. Die oberfränkische Stadt avancierte zum Herzen der Wagner-Gemeinde.

Cosima. Tochter von Franz Liszt, zweite Ehefrau Richard Wagners. Eine Ehe wie eine Oper: Wagner spannte Cosima dem Star-Dirigenten Hans von Bülow aus, der pikanterweise „Tristan“ und „Meistersinger“ aus der Taufe hob. Zu Wagners Lebzeiten Geliebte, Muse, Sekretärin und Vertraute, aber auch betrogene Ehefrau. Nach Wagners Tod Leiterin der Festspiele und Begründerin des Mythos Bayreuth.

Dilettant. Wagner genoss nie eine richtige Musikausbildung. Er lieh sich eine Kompositionslehre (deren Rückgabe er verweigerte, bis die Leihgebühren den Anschaffungswert fast überstiegen hatten), hatte hier und da kurz Unterricht, blieb aber im Wesentlichen Autodidakt. Trotzdem schuf er genial verführerische Musik.

Festspielhaus. Der heilige Gral der Wagner-Gemeinde. Berühmt für seine Akustik (-› Orchester), harte Stühle und lange Wartezeiten auf Karten für dieselben.

Frauen. In Wagners Werken opfern sich die Frauen – Senta für den Holländer, Elisabeth für Tannhäuser, Elsa für Lohengrin, Brünnhilde für die große Sache –, oder sie verkörpern, wie Venus, die böse Gegenwelt, oder sie stehen für beides (Kundry). Auch in diesem Punkt bildet die Kunst das wahre Leben ab: Da dienen Frauen Wagner als Quell der Inspiration und der Sinnlichkeit oder als Sekretärin, Geliebte und Mutter in Personalunion (-› Cosima).

Gesamtkunstwerk. Zentrale Idee Wagners: Musik, Text, Bühne und Darstellung bilden als gleichberechtigte Elemente das Gesamtkunstwerk. Entstehen kann es aber erst im Moment der Aufführung.

Inzest. Die Familienverhältnisse im „Ring“ sind prekär: Wotan ist der Vater der Geschwister Siegmund und Sieglinde und damit Siegfrieds Opa. Außerdem ist er auch Vater Brünnhildes. Siegfried vermählt sich also mit seiner Tante.

Judentum. Auch wenn es gern als Zeitgeist des 19. Jahrhunderts relativiert wird: Wagner war ein bösartiger Juden-Hasser. Dass er in Paris nicht Fuß fassen konnte, lastete er dem – eben: jüdischen – Operngott Giacomo Meyerbeer an, die Geldversessenheit seiner Zeit schob er dem Judentum in die Schuhe, und überhaupt attestierte er der jüdischen Kunst Oberflächlichkeit.

Ludwig II. König von Bayern. Wagnerianer der ersten Stunde. Stattete nicht nur sein Märchenschloss Neuschwanstein mit einem Lohengrin-Zimmer aus, sondern finanzierte Wagners -› Festspielhaus-Hirngespinste nebst Villa -› Wahnfried.

Leitmotiv. Mit dem „Tristan“ hat Wagner sein System perfektioniert, musikalische Motive mit Personen, Stimmungen und Handlungselementen zu verknüpfen. Das musikalische Beziehungsgeflecht führt jenseits der Textebene durch die Handlung – es leitet den Zuhörer.

Melodie, unendliche. Hängt eng zusammen mit dem -› Leitmotiv. Dahinter steht die Idee eines unaufhörlichen Stroms der Musik. Vorformuliert findet Wagner dieses Ideal zum Beispiel in Beethovens Klaviersonate A-Dur op. 110.

Nationalsozialismus. Auch wenn ein C-Dur-Akkord ein C-Dur-Akkord bleibt, wie Dirigent Christian Thielmann meint: Wagner war durchdrungen von Antisemitismus und Rassen-Ideologien. Statt sich von seinem unter Pseudonym erstmals publizierten Pamphlet „Das Judenthum in der Musik“ zu distanzieren, nahm er es in seine „Gesammelten Schriften“ auf, legte mit verschiedenen anderen Schriften nach – und diffamierte das Judentum unverhohlen auf der Bühne. Mit Beckmesser, Alberich, Mime, Kundry spielt er auf die dunkelsten Juden-Klischees an und verstärkt sie noch. Er spricht Gedanken über die Vernichtung des Judentums aus, formuliert Gedankengut des Nationalsozialismus so explizit vor, dass sie den Weg in Hitlers Hassreden finden und sich auch die Ausstellung „Entartete Kunst“ bei Wagners Theorien bedient – nachzulesen übrigens in Gottfried Wagners Buch „Du sollst keine anderen Götter haben neben mir“ (Propyläen). Nach Wagners Tod pflegt Cosima den stramm antisemitischen Kurs, der in Winifred Wagners Hitler-Vergötterung gipfelt.

Orchester, unsichtbares. Im Festspielhaus verschwindet das Orchester unter einem Deckel – nichts soll von der Bühne ablenken.

Plagiat. W. bediente sich hemmungslos bei anderen Komponisten – unter anderem bei Felix Mendelssohn Bartholdy. Besonders perfide: Gerade dieser Komponist war immer wieder Zielscheibe von Spott und Denunziation, unter anderem in W.’s übelstem Pamphlet „Über das Judentum in der Musik“.

Sex. Wagners Leben und Werk sind von Sex durchdrungen: der auskomponierte Liebesakt im Tristan, der mit einem Coitus interruptus jäh endet. Die Liebesnacht der Geschwister Sieglinde und Siegmund, die sich in der „Walküre“ zart ankündigt und euphorisch bejubelt wird, bevor der Vorhang gnädig fällt. Schließlich Kundrys Verführungskünste, denen man nur widerstehen kann, wenn man Parsifal heißt.

Verschwendungssucht. Als zarter Jüngling verzockte Wagner Geld, das ihm nicht gehörte, am Spieltisch. Später pumpte er alle Welt an, nahm Kredite auf, um alte Kredite abzulösen, verkaufte Möbel, die noch unbezahlt waren. Doch nicht sich sah er in der Pflicht, sondern „die Welt ist mir schuldig, was ich brauche“. Ohnehin sah er im Geldwesen das Grundübel der Zivilisation – die Hauptschuld daran lastete er dem -› Judentum an – und die Lösung war der Untergang der Welt.

Vater. Wagners Herkunft erscheint in einem diffusen Licht. Der – mutmaßliche – leibliche Vater starb ziemlich ein halbes Jahr nach Wagners Geburt am 23. November an Typhus – Kollateralschaden der Völkerschlacht bei Leipzig. Der mutmaßliche Ziehvater Ludwig Geyer starb 1821 – wobei sich Spekulationen hartnäckig halten, Geyer sei der tatsächliche Vater. Auch Wagners Dramenhelden leiden unter unklaren Verhältnissen: Parsifal und Siegmund kennen ihre Väter nicht, Siegfried wuchs gar ohne Mutter auf, und auch Lohengrin druckst mächtig herum, bis er mit der Wahrheit rausrückt.

Wahnfried. Wagners Villa in Bayreuth. Der Name bezieht sich auf die Inschrift: „Hier, wo mein Wähnen Frieden fand.“

Zukunftsmusik. Schmähbegriff, mit dem Zeitgenossen Wagners Musik belegten. Später verfasst Wagner selbst eine Schrift unter dem Titel „Zukunftsmusik“, in der er seine Idee von der Oper darlegt.


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