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Kalt wie glitzerndes Eis

Gegen den "Buddha von Bielefeld" hat der Protestler mit der langen Haarmähne keine Chance. Ob Wurf mit der Mehltüte oder die als Schmähschrift angelegte Dissertation - Meisterdenker Niklas Luhmann schluckt jede Aufsässigkeit weg, ja promoviert seinen Widersacher gar zum Dr. phil. Kein Wunder: In Luhmanns Theoriewelt werden selbst Widersprüche rückstandsfrei absorbiert. Dem maulenden 68er bleibt nur eines: melancholisch vorgetragene Protestsongs, die wie das Echo aus grauer Vorzeit klingen.

"Ist ja wahnsinnig kompliziert": Als ständig sich entziehendes Phänomen setzt Tom Peuckerts am Samstagabend im Studio des Bielefelder Theaters uraufgeführtes Stück "Luhmann" den Gelehrten ins Bild - soweit das überhaupt geht. Der Berliner Theaterautor erzählt keine Theorie nach, sondern zeigt, wie sie funktioniert. Vier Akteure entwerfen - in zum Teil improvisierten Spielszenen - ein Patchwork sich überschneidender Diskurse. Einzige Kulisse im nackten Spielraum: Eine Reihe von Luhmanns Suhrkamp-Taschenbüchern. Platzanweiser "Carsten" liest während der gesamten Aufführung in einem von Luhmanns Theoriebüchern.

Zum Glück spielen Fachvokabeln wie "systemtheoretisches Vorspiel", "Komplexitätsreduktion" oder "Beobachten" nur im Stücktext, aber nicht in der von Patrick Schimanski verantworteten Aufführung eine Rolle. Statt dessen füllen die Akteure ein kühles Gefüge der Textbausteine mit lustvollem Theaterleben. Als Clowns zeigen Nicole Paul und der höchst spielfreudige Oliver Baierl, wie sich "Beobachter" an ihren Weltsichten abarbeiten, ohne zu einer gemeinsamen Version zu gelangen. Später öffnen sie einen der berühmten "Zettelkästen" Luhmanns und verspeisen lustvoll Karteikarten. Kleine Rache an dem "großen Beobachter"?

Die vollzieht jedenfalls der brillante Stefan Hufschmidt als frustrierter Protestbarde, der nicht nur die vom Publikum mit vielen Lachern quittierte Innenansicht des Elfenbeinturms der Bielefelder Universität gab, sondern auch an Luhmann gerichtet fragte: "Und wo bleibt das Glück?" "Immer nur brillant, wie glitzerndes Eis", kritisierte er Luhmanns Aura kühler Perfektion, während Harald Gieche als vierter Akteur vorführte, was die Welt ohne Utopie bereithält - nichts als kalten Ehrgeiz.

Trotz aller Kritik: An Luhmann kommt eben doch keiner vorbei. Auch das Theater nicht. Die vier Akteure spielten mit scharfer Ironie den Probenbetrieb nach und machten anschaulich, wie ein System mit sich selbst kommuniziert. Das galt für die ganze, gelungene Uraufführung. Ein schwarzer Bühnenkasten, drinnen Akteure und Zuschauer - fertig ist Luhmanns Black Box, die in sich selbst reibungslos funktioniert. Alles andere bleibt ausgegrenzte Umwelt: Ein kalter Winterabend, ausgerechnet in Bielefeld.

Nächste Aufführungen: 9., 11. Februar. Kartentelefon: 0521/51-5454.