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Das Vokabular von vorgestern

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Versuchen zu verstehen, wo es nichts zu verstehen gibt: Don Carlo (Yoonki Baek) und Elisabeth (Susanne Schubert). Foto: FröhlichVersuchen zu verstehen, wo es nichts zu verstehen gibt: Don Carlo (Yoonki Baek) und Elisabeth (Susanne Schubert). Foto: Fröhlich

Nach „Otello“ im letzten Jahr eröffnet die Spielzeit am Theater Osnabrück auch diesmal mit Verdi: Klaus Dieter Kirst versuchte sich an „Don Carlo“.

Genau genommen ist Giuseppe Verdis „Don Carlo“ ein Kammerstück, und die konstituierende musikalische Form ist das Duett. Don Carlo und Posa, Posa und Philipp, Philipp und Elisabeth: Im musikalischen Dialog werden die Unvereinbarkeit von Liebe und Staatsräson und die daraus resultierenden Konflikte der Protagonisten aus immer neuen Blickwinkeln verhandelt. Und weil diese Konflikte so alt und so neu wie die Menschheit sind, verspricht Regisseur Klaus Dieter Kirst für seine Inszenierung zur Spielzeiteröffnung am Theater Osnabrück einen Bogen, der von der historischen Wirklichkeit des 16. Jahrhunderts bis zur Jetztzeit reicht.

Allein, das bleibt ein leeres Versprechen.

Dabei liefert die weitläufige Halle von Frank Hänig mit den roten Säulen links und rechts gute Voraussetzungen, die Beziehungen zwischen den Menschen herausarbeiten. Kaum Requisiten, kein überflüssiger Tand: Kirst wirft allen unnötigen Theaterballast über Bord und könnte sich ganz auf seine Personen konzentrieren. Doch leider lässt er sie mit Verdis Musik allein, vermittelt ihnen (und dem Publikum) weder eine Idee des Stücks, noch führt er sein Bühnenpersonal. Stattdessen machen die Personen ihren großen Gefühlen – und davon gibt es reichlich! – Luft, indem sie mal nach links, mal nach rechts rennen und sich dort an eine Säule klammern. Dazwischen gibt es viel Rampengesang mit pathetischen Gesten, mithin Oper von heute mit dem darstellerischen Vokabular von vorvorgestern. In der großen Autodafé-Szene des zweiten Aktes schließlich, wo der geniale Theatermann Verdi seine musiktheatralischen Register zieht, lässt Kirst König-Philipp-Bilder schwenken, ein paar halbnackte Männerpuppen an Haken am Bühnenhimmel langschweben und fackeltragende Mönche an die Feuer der Inquisition erinnern. Man ahnt: Das soll der versprochene Bogen vom Zeitalter der Inquisition bis zu den Diktaturen des 20. Jahrhunderts sein. Tatsächlich aber verpufft Verdis großer Wurf in vagen Andeutungen.

So entlässt Kirst sein Publikum in die Pause, um danach weiterzumachen wie bisher: Philipps Monolog und die Auseinandersetzung mit dem blinden Großinquisitor sind voll des hohlen Pathos, ebenso das Duett Elisabeth-Philipp, das Geständnis der Eboli, dass sie nicht nur Philipp die Briefe Carlos’ an Elisabeth zugespielt, sondern auch ein Verhältnis mit dem König hat, Verbannung und Verzweiflung.

Hier, in Ebolis Selbstanklage, hat die Inszenierung ihren einen starken, bewegenden Moment: als Eboli von ihrer verhängnisvollen Schönheit singt und sich mit dem Messer Wunden im Gesicht beibringt. Denn hier wird Verzweiflung in ein sicher drastisches, aber griffiges Bild übersetzt. Eine ganze Oper trägt das allerdings nicht.

Gerettet wird der Abend durch Generalmusikdirektor Hermann Bäumer, das Orchester und das Ensemble. In der farbigen Umsetzung von Verdis Musik durch das Osnabrücker Symphonieorchester vermitteln sich Leiden und Liebe, Verhängnis und Tod, weil Bäumer die kammerspielartige Intimität feinfühlig ausmusizieren lässt, die große Geste zu ihrem Recht kommt und immer wieder die Macht des Schicksals mit unbarmherziger Härte zuschlägt.

Auch das Sängerensemble besticht durch Homogenität und wartet mit manchen Überraschungen auf. Yoonki Baek etwa singt die Titelrolle mit Ausdauer und musikalischem Gespür für die Zerrissenheit des Don Carlo. Daniel Moon, neu im Ensemble, verkörpert mit klangschönem Bariton einen eloquenten Posa. Frank Färber ist ein energisch dröhnender Philipp, Marek Wojciechowski ein autoritärer Großinquisitor. Natalya Myzyuk singt die Prinzessin Eboli mit verführerischer Glut, den Chor bringt Chordirektor Peter Sommerer zum Leuchten. Susanne Schubert schließlich wirkt trotz der kaum vorhandenen Regie authentisch: In ihrer Elisabeth finden sich stimmlich und darstellerisch glühende Liebe ebenso wie verzweifelte Pflichterfüllung.


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