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Das Kammermusikfestival Classic con brio setzt nach wie vor auf Programme, die an Ort und Stelle entstehen Der Reiz des Spontanen

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Osnabrück/Bad Iburg. Am Freitagabend spielt das Meta4 Quartett Avantgarde des 21. Jahrhunderts, am Samstag Bach und Zeitgenossen. Damit haben die Finnen das Kernrepertoire des Musikbetriebs, die Musik aus Klassik und Romantik, eingekreist: Zum Finale des Festivals Classic con brio bieten sie kammermusikalischen Höchstgenuss mit einer unter die Haut gehenden Interpretation von Mozarts melancholischem g-Moll-Quintett – wobei der zusätzliche Bratscher Vladimir Mendelssohn etwas ruppig heraussticht – und dem Quartett D-Dur von César Franck als üppigem Klangbad.

Die finnische Kammermusikformation steht für ein topmodernes Klangideal: schlank, homogen, virtuos. Die Geiger Antti Tikkanen und Minna Pensola etwa machen aus der klangzauberischen Sonate des finnischen Komponisten Jouni Kaipainen eine Sensation, die in Avantgardekreisen genauso besteht wie beim Con-brio-Publikum in der Osnabrücker Schlossaula. Und tags darauf wird beim zweiten Menuett aus Johann Sebastian Bachs erster Orchestersuite deutlich, wie homogen dieses perfekt aufeinander abgestimmte Ensemble musiziert.

Dabei setzt Classic con brio weiterhin auf den Reiz des Spontanen. Ein Teil der Programme entsteht vor Ort – das setzt im Idealfall Euphorie frei, die aus einer guten Interpretation eine kleine oder große Sensation macht. Und das funktioniert nach wie vor: Pianist Alfredo Perl, Antti Tikkanen und Hornist Martin Owen zeigen es mit dem Trio für Klavier, Violine und Horn von Johannes Brahms. Und glühende Werke wie das Sextett op. 110 von Mendelssohn Bartholdy oder das Klavierquintett von César Franck kommen diesem Zugang ohnehin entgegen.

Das verhindert nicht, dass das Festival manchmal ein wenig ziellos durch den Garten des Repertoires schlendert. So erfüllt das Programm des Late Night Concert die Erwartungen nicht, die die Sensation mit den Musikern des Meta4-Quartetts weckt. Die moderne Suite „Worlds Beyond“ des schweizamerikanischen Komponisten Daniel Snyder für Oboe, Bassposaune und Klavier schmeichelt zwar dem Ohr mit einem jazzigen Hauch. Doch verliert es sich letztlich doch in seiner eigenen Redseligkeit. So erbringt das Werk letztlich nur den Beweis, dass die ungewöhnliche Instrumentenkombination nicht funktioniert, solange sich die Bassposaune im selben Raum befindet.

Dann schon lieber gewachsene Barockprogramme, wie sie in diesem Jahr einen Schwerpunkt bildeten, unter anderem mit einem Blick auf die Einflüsse Italiens auf die Barockmeister nördlich der Alpen. Am schlüssigsten aber gestaltet sich ein „Memorial Concert“ mit Musik, die die Nazis als „entartet“ gebrandmarkt hatten. Denn die thematische Setzung öffnet Repertoire-Außenseitern die Bühne: Blanca Gleisner bezauberte in Pavel Haas’ Suite für Oboe und Klavier. Carsten Schmidt war ihr verlässlicher Begleiter, der zudem mit Ernst Kreneks Klaviersonate op. 240 einen bizarr geformten Monolithen virtuos zum Leben erweckte. Und beim ersten Klaviertrio von Dmitri Schostakowitsch setzten Priya Mitchell (Geige), David Cohen (Cello) und Natacha Kudritskaya einen von vielen Höhepunkten des Festivals.


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