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Museen prüfen Herkunft ihrer zur NS-Zeit erworbenen Bestände Dem Kunstraub auf der Spur

Von Joachim Göres

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Berühmte Raubkunst: Gustav Klimts Gemälde „Adele Bloch-Bauer I“. Foto: dpaBerühmte Raubkunst: Gustav Klimts Gemälde „Adele Bloch-Bauer I“. Foto: dpa

Hannover. Roelant Savery. Ein bekannter niederländischer Maler des 17. Jahrhunderts. 1942 erwarb das Museum Wiesbaden ein Bild des Künstlers für 1400 Mark. „Der niedrige Preis ist schon ein Hinweis, dass das Ganze unrechtmäßig gelaufen ist. Viel belasteter kann ein Bild nicht sein“, sagt Peter Forster. Der Kunsthistoriker am Museum Wiesbaden sprach im Sprengel-Museum Hannover auf dem Treffen von rund 100 Provenienzforschern aus ganz Deutschland – sie begeben sich auf die Spur nach der Herkunft der in ihren Häusern vorhandenen Bestände, die während der Zeit des Nationalsozialismus erworben wurden. „Das ist eine mühsame Kleinarbeit. Man muss Archive von Banken, Kunsthändlern, Rahmenbauern, Speditionen oder dem Zoll nutzen und wird manchmal fündig“, sagt Forster. Seine bisherige Bilanz: Bei 40 überprüften Bildern handelte es sich in vier Fällen um Raubkunst. Drei dieser Bilder konnten an die Erben der einst jüdischen Besitzer zurückgegeben werden. 20 Bilder gelten als belastet, aber die genaue Aufklärung scheint heute unmöglich. Bei den restlichen Werken gibt es keine Hinweise z.B. auf Beschlagnahme während der Reichspogromnacht. „Wir könnten diese Arbeit gar nicht leisten, wenn wir nicht finanziell gefördert würden“, sagt Forster.

Seit 2008 stellt das Berliner Institut für Museumsforschung (IfM) aus Bundesmitteln jährlich eine Million Euro für die Provenienzforschung von Museen, Bibliotheken und Institute zur Verfügung. Rund 40 Museen forschen derzeit mithilfe dieser Gelder in ihren Beständen nach Raubkunst. Warum erst jetzt? „Durch die Kontinuität in den Museen nach dem Krieg haben die während der NS-Zeit aktiven Kunsthistoriker nach 1945 lange Zeit Nachforschungen verhindert. Außerdem dauert die Aufklärung so lange, weil ganz bewusst Überlieferungslücken angelegt worden sind, um die Herkunft zu verschleiern“, sagt Uwe Hartmann, Leiter der IfM-Arbeitsstelle für Provenienzrecherche.

„Derzeit ist in deutschen Museen die Provenienz von 7400 Kunstwerken lückenhaft“, sagt Andrea Baresel-Brand. Sie ist stellvertretende Leiterin der Koordinierungsstelle Magdeburg. Die vom Bund und den Ländern getragene Stelle dokumentiert auf der Internetdatenbank www.lostart.de Such- und Fundmeldungen über Kulturgüter, die während der NS-Zeit den Besitzern entzogen oder im Krieg aus anderen Ländern nach Deutschland gebracht wurden. Es finden sich dort detaillierte Beschreibungen von rund 200000 Werken, die als Raub- oder Beutekunst gelten. „Durch unsere Arbeit konnten viele Bilder identifiziert und zurückgegeben werden“, sagt Baresel-Brand.

Ein anderes Kapitel ist die Beutekunst. Der Bremer Professor Wolfgang Eichwede hat acht Jahre eine Arbeitsgruppe zur Untersuchung der sowjetischen Kulturverluste im Zweiten Weltkrieg geleitet. „In Russland spricht man von 600000 Museumsstücken, die während des Krieges nach Deutschland gebracht wurden“, so Eichwede. Die nach dem Krieg aus Deutschland in die Sowjetunion transportierten Kunstwerke seien als Kompensation für den eigenen Verlust angesehen worden.

„Es gibt heute bei Museumsleitern in Osteuropa eine große Offenheit für diese Fragen. Dies ist eine große Chance für deutsche Museen, miteinander ins Gespräch zu kommen“, hofft Eichwede, der bereits häufiger den Tausch von erbeuteten Kunstwerken zwischen deutschen und russischen Museen vermittelt hat.

Eichwedes Fazit: „Es waren nicht nur überzeugte NS-Ideologen, die damals den Raub organisierten. Viele Kunsthistoriker waren sehr engagiert, um für ihr Museum oder auch für sich zu Hause wertvolle Ausstellungsstücke zu bekommen. Und es gab auch viele Soldaten, die aus dem Osten Kunst als Souvenirstücke in die Heimat mitbrachten. Das ist heute alles sehr schwer zu rekonstruieren. Aber man muss es versuchen.“


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