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Reklame wird zum Kunstobjekt

Leuchtreklame, losgelöst vom einstigen Zweck und vom Zeitgeist: Die Leuchtskulptur von Benjamin Schubert stellte ursprünglich mal den Schriftzug "Hägele" dar.Leuchtreklame, losgelöst vom einstigen Zweck und vom Zeitgeist: Die Leuchtskulptur von Benjamin Schubert stellte ursprünglich mal den Schriftzug "Hägele" dar.

"Schöner Schein" lockt zurzeit Besucher in das Kunst-Quartier des BBK in der Bierstraße. Die Ausstellung präsentiert Skulpturen des Hamburger Künstlers Benjamin Schubert, der ausrangierte Neon-Leuchtreklame zu schön scheinenden Objekten umfunktioniert.

Den Schriftzug "Hägele" sollen diese verschlungenen, grün schimmernden Glasröhren einmal gebildet haben? Rätselnd steht der Betrachter vor der abstrakt wirkenden Skulptur. Mit der Information gefüttert, dass es sich bei dem Werkstoff um eine ehemalige Neonreklame handelt, versucht er, den Originalzustand des Objekts zu erahnen. Die Rekonstruktion der ursprünglichen Werbeschrift steht bei den Werken von Benjamin Schubert allerdings nicht zur Debatte. Vielmehr geht es um die künstlerisch-ästhetische Auseinandersetzung mit Materialien, die im vergangenen Jahrhundert unser Stadtbild prägten.

Um 1900 wurden die ersten Neonschriften über Geschäften installiert. Sie lenkten das Augenmerk der Passanten auf die Waren der Händler, die das innovative Werbemedium frühzeitig einsetzten. In den zwanziger Jahren bis in die Sechziger erlebten die reizvollen Leuchtschriften einen wahren Boom; heute sind sie weitestgehend verschwunden. In Benjamin Schubert finden sie einen Konservator der besonderen Art. Überall rettet er noch existierende Schriftzüge vor der Vernichtung - nicht um sie zu archivieren oder museal zu verwenden, sondern um sie in einen völlig neuen Kontext zu stellen.

Faszinierend, wie etwa verschiedene Schriftarten die formelle Wirkung der Skulpturen beeinflussen. So wirkt die ehemalige Friseur-Werbung mit ihren geschwungenen Lettern ungleich graziler als die rot leuchtenden Blockbuchstaben des Oldenburger Teppich- und Sanitärartikel-Geschäfts "Oltmann". Authentische Aura trifft dabei auf künstlerisches Gestaltungsvermögen. So sind die Objekte allein wegen ihres aufstrebenden Charakters der ursprünglich horizontalen Ausrichtung enthoben. Die Verschlüsselung in nicht mehr lesbare Strukturen trägt dazu bei, dass der Betrachter sich zwar mit Funktion, Wirkung und Bedeutung von Neonreklame auseinandersetzt, sich aber losgelöst vom Zeitgeist der ästhetischen Wirkung der transformierten Objekte widmet.

Dazu trägt die bedingt durchscheinende Folie an den Schaufenstern des Kunstquartiers bei, die von außen einen geheimnisvollen, nicht identifizierbaren Lichteffekt hervorruft. Erst beim Betreten des Ausstellungsraums entdeckt der Besucher die wahre Quelle dieses "Schönen Scheins".

Bei der Ausstellung handelt es sich um eine Kooperation des Bundes Bildender Künstler Osnabrück (BBK) mit der Kunsthalle Dominikanerkirche, in der am 15. September eine große Schau unter dem Titel "Licht-Glas-Transparenz" eröffnet wird.


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