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Türkisches Stahlgewitter Filmkritik: Patriotische Kriegspropaganda in „Çanakkale 1915“

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Unter der Fahne vereint: „Çanakkale 1915“ feiert Volkes Heldenmut. Foto: KinostarUnter der Fahne vereint: „Çanakkale 1915“ feiert Volkes Heldenmut. Foto: Kinostar

Osnabrück. „Los, meine Helden! Für das Vaterland!“ Der Offizier feuert seine Männer an. Freudig und mit eisernem Glauben an die Ehre ziehen die Soldaten ins Stahlgewitter, sterben freudig den Helden- und Märtyrertod.

„Auf in den Kampf gegen die Ungläubigen!“ – Nein, dies ist nicht die Beschreibung eines Kampfvideos von Al-Kaida oder eines alten deutschen NS-Kriegspropagandafilms – dies ist der Tonfall, den der aktuelle türkische Film „Çanakkale 1915“ anschlägt, einer von derzeit fünf in der Türkei zum Teil schon gedrehten Filmen über die Schlacht von Gallipoli aus dem Ersten Weltkrieg. Die dient hier jedoch nur als Vorlage für ein extrem patriotisches Rührstück. Ein Machwerk, in dem Blut und Boden, Vaterland und Muttererde sowie Ehre und Nationalstolz verteidigt werden.

Entstanden nach Roman und Drehbuch des Bestsellerautors Turgut Özakman, entwirft der Film dabei ein Schlachtengemälde, in dem individuelle Geschichten keinen Platz haben. Was hier zählt, ist der Heldenmut des türkischen Volkes als Ganzes – von der Krankenschwester in Istanbul bis zum Frontsoldaten, von der Socken strickenden Mutter in der Heimat bis zum Hauptmann, der sich für seine Männer aufopfert. Entsprechend gesichtslos bleiben die Feinde, vor allem Briten und Neuseeländer, die nur dazu da sind, um den Mut der Türken zu bewundern und im Todeskampf als „weinerlich“ beschimpft zu werden. Mitleid? Einsicht? Selbstkritik? Fremdworte in diesem Film.

Sentimental, schmierig, geschichtsklitternd: „Çanakkale 1915“ ist nicht nur politisch ein ärgerlicher Film, sondern auch noch schlecht und langweilig erzählt, zudem mit miesen, an Computerspielgrafiken erinnernden Spezialeffekten versehen. Bedenklich auch, dass man Medienberichten zufolge überlegt, die ultranationalistischen Bücher von Özakman (etwa „Su Cilgin Türkler“) zur Schullektüre in der Türkei zu machen. Den passenden Rekrutierungsfilm für die Armee gibt es mit „Çanakkale 1915“ ja jetzt schon.

„Çanakkale 1915“. TK 2012. R: Yesim Sezgin. D: Sevket Çoruh, Baris Çakmak, Serkan Ercan, Riza Akin, Bülent Alkis. 129 Minuten. Ab 16. Filmpassage.


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