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Das arme Leben der Millionärsgattin

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Susi Gern wäre der Traum eines Boulevardreporters aus dem gegenwärtigen Privatfernsehen: schön, reich, aber voll ungestillter Sehnsucht. Mit einer Mischung aus Neid und zynischem Mitleid würde er die Dame in einem Film vorführen - ihr 390 Quadratmeter großes Penthouse im schicken Düsseldorf, ihr Hofstaat von Hausgehilfinnen, ihre Kaufsucht sowie die Andy Warhol-Porträts des Ehepaars Gern und ihren Wunsch, in ihrem Porsche begraben zu werden. Da Susi eine fiktive Frau ist, befriedigt Schriftsteller Martin Walser nun den kühl-voyeuristischen Boulevardblick in seinem neuen Roman "Der Lebenslauf der Liebe".

Bisher legte er sein Augenmerk auf gescheiterte Studienräte, Handelsvertreter oder Juristen, Walser auf Abwegen? Keines-falls, sein Lieblingsobjekt, der leidende Mensch, der sich ge-gen die Mittelmäßigkeit wehrt, steckt diesmal nur in einer üp-pigen Verpackung. Und auch an Susis Leben interessiert Walser nichts brennender als den Niedergang einer Ehe. Nach seinem heftig diskutierten autobiographischen Roman "Ein springender Brunnen" (1998) verengt Walser den Blick in seinem neusten großen Gesellschaftsroman erneut auf das Private. So wie er diese Perspektive seit seiner Novelle "Ein fliehendes Pferd" (1978) konsequent verfolgte. Nun begleitet Martin Walser die über 50-jährige Susi von 1987 bis zur Silvesternacht 2000. Die gesellschaftliche Atmosphäre der späten Bundesrepublik - von der sexuellen Befreiung bis zum Konsumstreben der Kohl-Ära, nebst psychischen Nebenwirkungen - ist unabdingbar für Susis Lebenslauf, sie drängt sich aber nie in den Vordergrund.

Susi ist umgeben von Versagern und Ritualen: Mit ihrem Ehemann Edmund, ein erfolgreicher Jurist und Kaufmann und ein "Sexualtrapper", hat sie ein absurdes Arrangement: "Alles ist möglich, aber nichts hinter dem Rücken". Sie kümmert sich um die geistig zurückgebliebene Tochter Conny, den verwöhnten, beziehungsunfähigen Sohn Andreas, die psychisch kranke Schwieger-tochter und flüchtet selbst in Affären. Das alles wäre wohl für das "Sonntagskind" Susi aus kleinbürgerlichen Hause zu schultern gewesen, hätte ihr der Ehemann nicht das Herz gebrochen, als sie ihm beim Sex mit einer anderen zu schauen sollte.

Luxus und Ekel liegen dicht beieinander. Wo die festigenden Werte fehlen, zerbröselt die Fassade. Walser rechnet mit dem Zerfall der Bindungen ab, mit den emotionalen Nutznießern der 68-Bewegung: freie Liebe für freie Spießer. Ein Paar-Konstrukt, in dem letztlich nur einer glücklich sein kann - der mit dem größten Ego und das ist Edmund. Doch sein ausgelebtes Sexualleben ist nur ein Pyrrhussieg: Am Ende übernimmt er sich nicht nur finanziell, sondern auch körperlich. Edmund läuft buchstäblich aus - Inkontinenz.

Der "Lebenslauf der Liebe" ist mitunter ein rasantes Buch, wenn Walser von Susis diver-sen Männer-Eskapaden erzählt. Darüber hinaus ist es äußerst treffsicher und entlarvend in dem psychologischen Befinden der Heldin: Hoch spannend, wie sich ihr Verstand mit Edmunds Zerfall zunehmend von ihm entfernt, aber ihr Gefühl weiter an dieser Bindung klebt, wenngleich am Ende gerade noch an ei-nem hauchdünnen Faden. Das lässt über einige lähmend-zähe Passagen (ausufernd: die Geschichte der Haushälterin Frau Oschatz und die Anhäufung persönlicher Katastrophen) milde hinwegsehen.

Susis jahrzehntelanges Aussitzen ihres "Unglücksglücks" wäre ohne Walsers gute Portion schwarzen Humor im Umgang der Eheleute absolut ungenießbar: "Bis jetzt hatte sie ihn, um sich selber vor Unannehmlichkeiten zu schützen, nicht erstochen, nicht erschlagen. Vergiften würde sie ihn nicht. Sie musste etwas haben von ihrer Tat." So entwickelt sich aus der Leidens-Fallstudie im Gesamtbild eine Tragikomödie mit verdient skurril, fast kitschigem Ausgang: Erst als Witwe und Sozialhilfeempfän-gerin gönnt Walser seiner Heldin die wahre Liebe: Sie heiratet den Marokkaner Khalid. Der Boulevardreporter würde abgegriffen enden: "Geld allein macht eben nicht glücklich." Diese Moralkeule, die Walser bissig ins nächste Jahrtausend rettet, sei ihm verziehen - das Leid der Susi G., die Stellvertreterin einer emotional verarmten Wohlstandsgesellschaft, ist sonst kaum zu ertragen. Folgerichtig das späte Glück Silvester 2000: Es ist Susis ganz persönlicher Zahltag - die letzte Rechnung, die Edmund postum zu begleichen hatte.

Martin Walser: "Der Lebenslauf der Liebe". Suhrkamp Verlag. 527 Seiten, 49,80 DM.


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