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Mit dem eigenen Ständchen den Sekt redlich verdient

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Es ist zwar etwas ungewöhnlich, wenn sich ein Geburtstagskind selber ein Ständchen singt, aber an diesem Dienstagabend in der Schlossaula hat wirklich keiner etwas dagegen. Im Gegenteil. Wer sowohl einen Hugo Distler mit solch lupenreiner Intonation singt als auch mal eben einen Gesualdo in ein schwebendes und geheimnisvolles Klangwerk verwandelt, hat nur eines verdient: herzlichen Glückwunsch an den Chor "Corona Vocalis"!

Seit 15 Jahren ist der im Umfeld des Osnabrücker Konservatoriums entstandene Chor unter der Leitung von Professor Michael Schmoll unterwegs auf den Pfaden der A-cappella-Musik. Vorgestern feierten die 29 Sänger im Rahmen der ersten Universitätsmusik dieses Semesters ihr Jubiläum. Die Geburtstagsständchen lieferten in diesem Fall Komponisten aus der Renaissance und Moderne sowie der Osnabrücker Komponist Peter Witte.

Die Kantate "La vraie chanson vivante" für Solo-Sopran, Violoncello-Quartett, Sopransaxofon und gemischten Chor von Witte bildet das Herzstück des Jubiläumskonzerts. "Ich bin sehr dankbar, dass der Chor sich die viele Mühe gemacht hat, dieses Werk einzustudieren", meint Witte, der selber seit neun Jahren bei "Corona Vocalis" singt und heute Abend für seine Kantate persönlich vor das Dirigentenpult tritt. Unrecht hat er mit dieser Anerkennung der gesanglichen Leistung des Chores nicht.

Das 2003 uraufgeführte Werk ist rhythmisch und harmonisch nicht einfach, dafür aber höchst spannend. Grundlage dieser Kantate sind Texte aus der Bibel, von Enzensberger, Ungaretti, E.E. Cummings, Prévert und Belli. Musikalisch schöpft Witte aus einem großen Fundus an stilistischer Kreativität. Die vier Celli (Karsten Nagel, Claudia Janßen, Raphael Rahe, Carolin Nagel) liefern häufig klanglich sehr sinnliche und expressive Momente, Chor und Sopran (mit äußerst warmem Timbre: Sigrid Heidemann) wechseln zwischen unterschiedlichsten Affekten vom klassischen Gesang bis zum Sprechgesang. Mal klingt es jazzig frei (souverän am Sopransaxofon: Volker Winck), mal streng polyphon durchkomponiert. Solche Musik erfordert viel Konzentration seitens des Chores, doch dieser zeigt sich der Kantate mühelos gewachsen.

Auch im ersten Teil des Abends verleihen so die Sänger von "Corona Vocalis" jedem ihrer "Gratulanten" einen lebendigen Ausdruck. In den spannungsreichen harmonischen Wendungen in Hugo Distlers "Um Mitternacht" wird genüsslich gebadet, Gesualdos Madrigale "Io tacerò" und "Moro lasso" fließen dahin wie aus einem Guss, in Hindemiths "Six Chansons" wird poetisiert, bei Debussys "Trois Chansons de Charles D'Orléans" impressioniert und in Jan Nováks "Terpsichore" zeigt der Chor gestandene rhythmische Präzision und Beweglichkeit. So viel ist klar: Den Geburtstagssekt haben sich alle redlich verdient.


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