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Auf dem Sofa der Nation Loriot - Der deutsche Humor hat seine große Identifikationsfigur verloren

Deutschlands lustigste Couch: Vier Jahre nach Evelyn Hamann ist nun auch Loriot gestorben. Foto: dpaDeutschlands lustigste Couch: Vier Jahre nach Evelyn Hamann ist nun auch Loriot gestorben. Foto: dpa

Osnabrück. „Liebe Evelyn, dein Timing war immer perfekt, nur heute hast du die Reihenfolge nicht eingehalten.“ Mit diesen Worten verabschiedete Loriot sich nach dem Tod Evelyn Hamanns vor vier Jahren von seiner Sketchpartnerin – und setzte nach: „Na, warte!“ Nun hat er diese Drohung wahr gemacht: Am Montag starb Bernhard Victor Christoph Carl von Bülow am Starnberger See. Er wurde 87 Jahre alt.

Mit der Pointe im Nachruf ist viel über die Größe des Humoristen gesagt: Für Vicco von Bülow war Komik eine Frage der Haltung. Den Witz nach dem Tod der engsten Mitarbeiterin machte er ja nicht trotz, sondern wegen der Emotionalität der Stunde. In seiner Komik hat die ganze Tragik und Absurdität des Daseins Platz; aber für den Spross eines preußischen Offiziersgeschlechts ist es auch eine Frage des Takts, große Gefühle elegant zu überspielen. Humor bedeutet bei Loriot vieles auf einmal: überbordende Albernheit, handwerkliche Virtuosität und Gesellschaftsanalyse – aber immer auch eine menschliche Grundeinstellung, eine diskrete Anteilnahme am Gegenüber. Nur mit dieser Haltung erklärt sich, warum Loriot nicht nur einer der lustigsten Deutschen ist, sondern auch einer der am heftigsten geliebten.

Seine Karriere beginnt in den 50ern mit gezeichneten Witzen. Aus dieser Zeit stammt auch sein Pseudonym, das französische Wort für das Wappentier der von Bülows, den Pirol. Seine wichtigste Schaffensphase werden die 70er-Jahre. Von 1967 bis 1972 entsteht die ARD-Serie „Cartoon“, 1976 bis 1978 dreht er die Reihe „Loriot I–VI“. Sein Witz platzt in eine Zeit der Konfrontation zwischen bürgerlichem und studentischem Milieu. Intellektueller Humor positionierte sich in Zeitschriften wie der „Pardon“ betont links und war für die Zeichner und Texter auch ein Mittel, sich von der eigenen Herkunft zu emanzipieren. Vor diesem Hintergrund wirkt der öffentlich-rechtliche Witz Loriots zunächst einmal wenig aufrührerisch. Vicco von Bülow ist damals Teil der kritisierten Elterngeneration; er hatte den Krieg als Soldat erlebt – und parodiert das Bildungsbürgertum gerade nicht in der Abgrenzung, sondern von innen heraus.

Mit seinen Gags meint Loriot immer auch sich selbst. Der Spott über seine Figuren ist immer auch als Gelächter über die eigene Unzulänglichkeit zu begreifen. Loriot bleibt damit auch für hartnäckige Kulturspießer akzeptabel – was all seine lächerlichen Antihelden von einer liebenswerten Feindfigur wie dem TV-Kollegen Ekel Alfred unterscheidet.

Seine ganze Laufbahn über bleibt der Komiker milieutreu; als Mehrfachbegabter und Nebenerwerbler im Theaterfach liest er öffentlich Thomas Mann und richtet „Wagners Ring an einem Abend“ ein. Wie Wagner und Mann wird auch Loriot zur deutschen Identifikationsfigur, die mit allen erdenklichen Ehrungen behängt wird – vom Grimme-Preis bis zum Großen Verdienstkreuz. Im Bekenntnis zu seinem Humor vereinen die beiden deutschen Staaten sich schon vor dem Mauerfall: 1987 liest Loriot im Palast der Republik. „Ödipussi“ feiert ein Jahr später Doppelpremiere in West- und Ostberlin. Mehr als seiner schieren Popularität verdankt dieser Status sich Loriots Leistung als Porträtist einer ganzen Gesellschaft: All die Typen, die das Deutschland der 70er bevölkerten – in seinen Sketchen sind sie der Nachwelt erhalten: verkniffene Nachrichtensprecher, Vorstandschefs hinter schwarzrandigen Brillen, alkoholkranke Vertreter und frauenbewegte Volkshochschülerinnen. Mit Fug und Recht moderiert Loriot seine Sketche von der Couch aus an – hier werden schließlich die Süchte und Neurosen der Nation analysiert. Stets kaschiert das aristokratische Lächeln des Komikers dabei eine Anarchie, die wüster ist als alle Sponti-Zoten. Nur baut Loriot seine schweinischen Gags so raffiniert, dass auch unschuldige Kinder vor dem Fernseher bleiben dürfen, wenn es heißt: Es saugt und bläst der Heinzelmann, wo Mutti sonst nur blasen kann.

Eine Versuchung, der Loriot widerstanden hat: die endlose Selbstreproduktion. Nach etwa 100 Sketchen und den Filmen war Schluss. Danach wurden die Jubiläumssendungen der ARD zur schönen Tradition. In den Neunzigern hatte man sich so an sie gewöhnt – es schien, als würden Loriot die runden Geburtstage nie ausgehen. Nun ist er doch gestorben. Und keiner ist mehr da, der einen guten Witz für seinen Nachruf parat hätte.


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