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An der Schmerzgrenze

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Zwei Klarinetten vereinen sich zur größtmöglichen, quälend scharfen Dissonanz. Als suchten sie nach der letzten, für das menschliche Gehör gerade noch erträglichen Tonkombination, um sie dann mit hohem Aufwand bis zu ihrem Ende auszureizen. Die "Three Island Duos" sind von Komponist Michael Tenzer an osteuropäische, indonesische und imaginäre Musikkulturen angelehnt. Beim 110. Sonntagskonzert im "Treffpunkt" auf dem Gertrudenberg setzten Anthony Taylor und Kelly Burke sich und das Publikum diesen extrem spannungsreichen Klängen aus.

Das "Eastwind Quintette d'Anches" ist aus North Carolina angereist, um in ungewöhnlicher Besetzung und mit kleinem gemischten Programm musikalischen Facettenreichtum aufzuzeigen. Allzu viel Repertoire findet das Quintett, welches von Oboistin Mary Ashley Barret, Fagottist Michael Burns und Steven Stusek am Altsaxofon komplettiert wird, nicht vor. Deshalb greifen die Musiker zu Bleistift und Notenpapier und arrangieren selbst. In Sergej Prokofjews "Romeo-und-Julia-Suite" gestaltet sich Julias Part in stummer Absprache der Musiker auf verspielte und jugendliche Weise; mittels fein akzentuierter Dynamik und energischem Ton gelingt der Satz zur bildlichen Szenerie.

Doch es gibt auch Originalkompositionen für das Ensemble. "L'accordeoniste" etwa schrieb Alejandro Rutty 2005 eigens für das Quintett. Dabei verlangt er von den Interpreten einiges an Kraft und Kreativität. Der Komponist definiert sein Stück schließlich als bulgarisch angehauchte Zigeuner-Akkordeon-Musik mit südamerikanischem Akzent, in der eine Hochzeitsgesellschaft unter zusammenbrechendem Zelt, ein rappelnder Kühlschrank und ein abhebendes Flugzeug erkennbar werden sollen. Im musikalischen Resultat klingt das dann recht wild und verworren. Hinter schrillen Liegetönen und rhythmischen Verschiebungen scheint sich eine Zirkusvorstellung abzuspielen. Die Instrumentalisten nehmen die gesammelten Hürden erfolgreich in Angriff und schaffen ein in jeder Hinsicht beeindruckendes Hörerlebnis.

Viel unspektakulärer erklingt der Rest des Konzertes mit Stücken von Chick Corea über George Gershwin bis hin zu Astor Piazzolla. Während es "Spain" in dieser Besetzung an der gewohnten Knackigkeit fehlt und auch der Tango etwas farblos daherkommt, wird "Porgy and Bess" noch einmal zur anregenden Unterhaltung. Wenn auch nicht anregend genug für die Wiederholung von "Summertime" in der Zugabe, mit der das musikalisch vielfältige Konzert zu Ende geht.


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