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Darf man behindert sagen? Wie Sprache Menschen mit Downsyndrom ausgrenzt – eine Antwort auf Leserbriefe zur Trisomie-Debatte

<em>Apostel mit Downsyndrom:</em> Der Fotograf Rauf Mamedov stellt da Vincis „Letztes Abendmahl“ mit Trisomie-21-Models nach. Das Werk weist Behinderten den zentralen Ort der Heilsgeschichte zu – und profitiert zugleich von überwältigend ausdrucksvollen Gesichtern.Foto: Courtesy Rauf Mamedov and Aidan Gallery,Apostel mit Downsyndrom: Der Fotograf Rauf Mamedov stellt da Vincis „Letztes Abendmahl“ mit Trisomie-21-Models nach. Das Werk weist Behinderten den zentralen Ort der Heilsgeschichte zu – und profitiert zugleich von überwältigend ausdrucksvollen Gesichtern.Foto: Courtesy Rauf Mamedov and Aidan Gallery,

Osnabrück. Der „Praena“-Test, ein neues Verfahren zur vorgeburtlichen Diagnose des Downsyndroms (Trisomie 21) sorgt für Aufregung. Der Bluttest ist gefahrloser als die bislang übliche Fruchtwasser-Untersuchung. Schon jetzt werden neun von zehn Kindern mit Downsyndrom abgetrieben. Kritiker fürchten, dass es mit „Praena“ noch mehr werden. Sie beklagen das öffentliche Bild von Menschen mit Trisomie 21. Traut die Gesellschaft ihnen kein erfülltes Leben zu? Drückt sich das auch in der Sprache aus?

„Krankheiten müssen diagnostiziert, therapiert und verhindert werden“, schreibt eine Leserin. Damit schließt sie den Begriff für das Downsyndrom entschieden aus – das man weder therapieren noch verhindern kann. Ein anderer Leser schlägt eine Alternative vor: „Es ist keine Krankheit!“, schreibt er. „Es ist lediglich eine andere Ausstattung an Körper, Psyche, Sinne und Seele als das, was mir und Ihnen mitgegeben wurde.“

Überzeugende Argumente. Fazit: Das Downsyndrom mag Folgeerkrankungen mit sich bringen; es selbst als Krankheit zu bezeichnen bleibt schief. Leider habe ich es trotzdem schon so geschrieben. Mit gleicher Berechtigung könnte man mich selbst (stark kurzsichtig) als schwer kranken Menschen bezeichnen.

Behinderte gibt es nicht: Beim Wort „behindert“ wird es schon schwieriger. „Sprechen Sie bitte nicht von den ‚Behinderten‘. Die gibt es nicht. Mangels Abgrenzungsmöglichkeiten gehören auch Sie und ich dazu“, sagt der Leser. „Es gibt nur Menschen, die mehr oder weniger behindert sind.“ Für ihn sind nicht die Leute mit Downsyndrom behindert, sondern allenfalls derjenige, der mit ihnen nicht umzugehen weiß: „Es ist eine gesellschaftliche Unvollkommenheit, ja Behinderung, das Anderssein eines Menschen nicht annehmen zu können.“ Touché.

Was eine Betroffene sagt: Aber ist die Neudefinition im Alltag praktikabel? Ich bin schon einmal mit dem Wort „behindert“ angeeckt, vor über zehn Jahren bei einem Theaterprojekt mit professionellen und behinderten Schauspielern. Dass man am Downsyndrom nicht „leidet“ – ein häufig zu lesender Lapsus –, hatten uns die Betreuer schnell klargemacht. Aber „behindert“? Eine junge Schauspielerin, ebenfalls mit Trisomie 21, hat das Wort für sich abgelehnt. Ich bin mir allerdings ziemlich sicher, dass sie es ab und an selbst verwendet hat – wenn es etwa darum ging, wo der Behindertenbus parkt. Niemand wäre auf die Idee gekommen, vom Bus der Laien-Darsteller zu sprechen. Das war ganz einfach nicht der Grund dafür, dass es ihn gab.

Jeder ist behindert: Die Unterscheidung zwischen „behindert“ und „nicht behindert“ konnte schon auf der Fahrt ins Gegenteil kippen, zum Beispiel wenn der Fahrer (ich) die Abfahrt verpasst hatte und die Passagiere den Weg zum Wohnheim gewiesen haben. Übrigens ohne dabei den johlenden Gesang zu ihren Schlager-Mix-Tapes zu unterbrechen. Das ist wirklich passiert und trifft genau die Leser-These von der allseitigen Unvollkommenheit: Als Ortsunkundiger war ich der Behinderte. Gleichzeitig zeigt das Beispiel: Manchmal braucht man ein Wort, um unabweisliche Unterschiede zwischen Behinderten und Nichtbehinderten zu benennen. Zumal der Status auch bürokratisch eine Rolle spielt. Ohne Parkausweis wäre die Theaterproduktion unbequem gewesen.

Ein Wort, das trennt: Wo der Leser recht hat: Der Begriff betont eine Trennlinie, die viel weniger eindeutig ist, als sie klingt. Wer Menschen mit Downsyndrom als Freunde oder Kollegen hat, erlebt: In den meisten Situationen bedeutet die Kategorie nicht viel. In unserem Ensemble gab es gute und schlechte Schauspieler, kollegiale und divenhafte, steifbeinige und solche mit Körpergefühl und Ausdruckvermögen. Das waren die wichtigen Unterscheidungen, und sie liefen nicht entlang der Trennlinie „behindert/nicht behindert“. Höchstens bei der der Textsicherheit war das Schema wichtig. Wer Trisomie 21 hatte, brauchte länger für das Auswendiglernen. Die Regie hatte deshalb die Textzeilen mit Bewegungen verknüpft; so fällt es offenbar leichter.

Die Abweichung übertreiben: Im Theater überwiegt das Gefühl des Gemeinsamen. Der Nachteil am Wort von der Behinderung ist, dass es diese Erfahrung vollständig einplaniert – und Unterschiede verabsolutiert. Das gilt übrigens genauso für Versuche, das vermeintliche Manko ins Positive zu wenden: Auch wer die Herzlichkeit von Menschen mit Downsyndrom lobt, betont die Abweichung. Da hat es fast etwas Befreiendes, wenn Proben schlecht laufen und sich das ganze Ensemble, behindert oder nicht, im allgemeinmenschlichen Wutausbruch zusammenfindet.

Bitte keine verbalen Verrenkungen: Gar nichts ist mit politisch korrekten Neuschöpfungen gewonnen, wie Amerika sie liebt. Wenn man „behindert“ in „herausgefordert“ oder „speziell“ übersetzt, betont man immer noch die Andersartigkeit – nun aber mit einer verbalen Verrenkung, in der die Befangenheit umso spürbarer wird. Seit der Begriff der Mongoloiden als unkorrekt gestrichen wurde, fehlt dem Deutschen ein Wort. Wie benennt man nun die Betroffenen? Downie ist verniedlichend; Mensch mit Trisomie genauso umständlich wie Mensch mit Migrationshintergrund. Auf Sprachkritik folgt Sprachlosigkeit

Gefährliche Rollenbilder: Die Gefahr liegt ohnehin nicht in den Wörtern, sondern in den Rollenkonzepten dahinter. Man darf bezweifeln, dass sie sich ändern, wenn man einfach nur Vokabeln vermeidet. Denkt die Gesellschaft anders von unverheirateten Frauen, weil es „Fräulein“ nicht mehr gibt? Oder konnte man das Wort nur streichen, weil es sich längst überholt hatte?

Einer der begabtesten Schauspieler in unserem Ensemble – auch im Vergleich mit Profis, die heute im Fernsehen auftreten – gehörte zu denen mit Trisomie 21. Womöglich hat er nach den integrativen Theaterprojekten nicht mehr auf der Bühne gestanden, sondern weiter WC-Steine montiert. Das war damals jedenfalls sein Hauptberuf. Es wäre schön gewesen, wenn er vom Stadttheater entdeckt und engagiert worden wäre. In der Werkstatt war er unterfordert; ein Wechsel hätte ihm gutgetan – aber sicher nicht nur ihm. Der Mut zu behinderten Darstellern würde auch den Bühnen und dem Publikum nutzen. Ein normatives Menschenbild engt jeden ein; das beste Gegenmittel sind Personen, die in irgendeiner Weise abweichen und sichtbar bleiben. Egal, ob es dabei nun um das Geschlecht geht, die Herkunft, die sexuelle Orientierung oder um die körperliche und geistige „Grundausstattung“, wie unser Leser schreibt.

Abschied vom Unterschied: Alle diese Unterschiede werden hoffentlich immer unwichtiger, je mehr Vorbilder sich die heute noch ungewohnten Umgebungen erobern. Um das einzufordern, braucht man am Anfang dann aber vielleicht doch noch die trennenden Begriffe. Ganz einfach, damit man solche Sätze sagen kann: Wir wollen mehr Schwule im Fußball sehen, mehr Frauen in Führungspositionen, mehr Männer im Kindergarten, mehr Migranten in den Medien und mehr Behinderte in ganz normalen Betrieben – und eben auch in Theater, Film und Fernsehen!


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