Eine Flucht für die Ewigkeit „Die Winterreise“ mit Christoph Prégardien

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Hagen. Seit 30 Jahren setzt der Tenor Christoph Prégardien Maßstäbe in Sachen Liedgesang. Einer seiner ständigen Begleiter dabei: der Pianist Michael Gees. Nun gastierte das Duo wieder einmal beim Festival Musica Viva – und zeigte, wie wunderbar ein Liederabend sein kann.

So allmählich kommt er ans Ziel, der junge Mann , der offenbar schmählich aus seiner Beziehung geschossen wurde. Dunkel ist es, schweren Schritts kommt er im „Wirtshaus“ an. Bleiben wird er allerdings nicht – mit einem wütenden Schrei stürmt er weiter. Todessehnsucht kehrt sich um in einen wilden Taumel.

Tenor Christoph Prégardien und Pianist Michael Gees klammern hier zwei Lieder der „Winterreise“ eng aneinander, schaffen aus extremen Gegensätzen eine Einheit. Damit tragen die beiden dem dramatischen Gehalt von Franz Schuberts existenziellem Liederzyklus Rechnung – wie es Prégardien vorher schon getan hat, wenn er den Blick nach oben richtet und durch die Ehemalige Kirche in Hagen schweifen lässt, auf der Suche nach einer imaginären Krähe.

Kleine Akzente sind das, die über eine rein musikalische Interpretation der „Winterreise“ hinausgehen. In diesen Momenten wird augenfällig, was das Duo musikalisch ausdeutet. Dabei agieren die beiden nicht als hierarchische Formation, in der der Pianist dem Sänger folgt, sondern als Ensemble aus gleichberechtigten Partnern.

Zart und zurückhaltend spielt Gees, um seinem Sängerpartner maximale gestalterische Freiheiten einzuräumen, führt mit einem herrlich gesanglichen Ton weiter, was die Stimme noch offenlässt, gibt seinem Sänger aber auch deutliche Impulse. Er schickt in „Gute Nacht“, dem ersten der 24 Lieder, Schuberts Jüngling auf eine ebenso hastige wie traurige Reise, er hält die Zeit an, und wenn musikalisch das Eis splittert, klingt das wie ein lautmalerischer Vorgriff auf den musikalischen Impressionismus.

Für Prégardien ist das eine vielschichtige Basis, um aus dem Gesangspart ein facettenreiches Stimmungsbild herauszudestillieren. In hohen, feinen Tönen kommen Trauer und Tränen zum Ausdruck, doch das kann unvermittelt umschlagen in furchterregende Wut – und da kann sich Prégardien auf das dunkle, baritonale Fundament seiner Stimme stützen. Zwischen diesen Extremen verfügt sein Tenor über eine faszinierende Vielfalt an Stimmnuancen, die er in jedem Moment abrufen kann. Denn der Jüngling, wie er in Prégardiens Darstellung die Flucht ergreift, scheint ein emphatisches Bürschchen zu sein. Zwischen leiser Trauer und blindem Zorn gibt es da ein breites Spektrum an Emotionen; da spielt mal ein bitteres Lächeln hinein, macht sich Sarkasmus breit und auch mal die Weltflucht in eine idyllische Lindenbaum-Vergangenheit. Prégardien deutet jede Nuance der Gedichte von Wilhelm Müller aus, und das so, dass jedes Wort verständlich ist. Das ist keine Selbstverständlichkeit.

Prégardien und Gees bereiten damit dem Musica-Viva-Festival einen wunderbaren Abend. Das ist auch ein Verdienst des Publikums: Es folgt mit der konzentrierten Aufmerksamkeit, die dieser Liederzyklus verlangt – und die das Genre des Liederabends so exklusiv macht. Der letzte, von Gees hingehauchte Ton mündet schließlich in eine lange und intensive Zeit der Stille, in der die 24 Lieder für jeden ganz persönlich nachhallen. Danach gibt es sogar eine Zugabe, die einzige, die dieser Zyklus verträgt, wie Gees sagt: „Nacht und Träume“ von Schubert. Der Epilog zu einem Abend, an dem eines der wichtigsten Werke der abendländischen Musik vollendet dargeboten wird – ein seltenes Glück für jeden, der dabei war.


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