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Kabuler Gäste in Kassel Documenta 13 - sehenswert: Goshka Macugas Wandteppich holt die Misere des Krieges mitten in das Museum Fridericianum

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<em>Von Kassel nach Kabul:</em> Den Bildteppich von Goshka Macuga besichtigten im Fridericianum auch die Aktionskünstler Eva und Adele (vorn). Foto: Gert WestdörpVon Kassel nach Kabul: Den Bildteppich von Goshka Macuga besichtigten im Fridericianum auch die Aktionskünstler Eva und Adele (vorn). Foto: Gert Westdörp

Kassel. Von Kassel nach Kabul, von Nordhessen mitten in ein Kriegsgebiet? Im zweiten Obergeschoss des Fridericianums überbrückt der Documenta-Besucher diese Distanz mit einem Blick.

Goshka Macugas 17 Meter breiter und fünf Meter hoher Wandteppich öffnet eine Szenerie mit lauter Afghanen derart plastisch, dass man in den Bildraum eintreten und gleich einigen der dort wartenden Männer die Hand entgegenstrecken möchte. Eine optische Spielerei mit Schein und Wirklichkeit? Nein, bei diesem Kunstwerk geht es um mehr.

Die polnische Künstlerin Macuga hat gleich zwei dieser in einem Halbrund aufgehängten Teppiche gefertigt. Die Motive fand sie bei Kulturtreffen in Kassel und in Kabul. In Kassel lieferte die Verleihung des Arnold-Bode-Preises den Anlass, in Kabul ein Festessen, das die Künstlerin selbst ausrichtete. Macuga hat die Fotos, die sie bei diesen Gelegenheiten aufgenommen hat, neu montiert, mit Collagen kombiniert und dann als Wandteppiche fertigen lassen.

Das Ergebnis frappiert. Der Kasseler Teppich, der sich in der Rotunde des Museumsbaus öffnet, scheint den Betrachter umarmen, ja in sich einsaugen zu wollen – so transparent und plastisch wirkt die abgebildete Szenerie. Und so fremd zugleich. Denn wir blicken auf Mitarbeiter des afghanischen Kulturministeriums und des Nationalmuseums, die wie Honoratioren Aufstellung genommen haben, allerdings wie die Würdenträger einer Gesellschaftsordnung, die wir nicht wirklich durchschauen. Über ihnen liegt der ebenso imposante wie trostlose Darulaman-Palast, eine Kriegsruine in Kabul. Das weißliche Winterlicht taucht die ganze Szene in ein fahles Licht. Zudem richtet sich im Vordergrund eine Kobra gefährlich drohend auf, seitwärts steht eine Kanone.

Macuga hat auch das Gegenstück zu diesem Wandteppich geschaffen. Es zeigt Kasseler Kulturmacher, die vor der Orangerie zu sehen sind. Die lag übrigens auch einmal in Trümmern – nach dem Zweiten Weltkrieg, als Arnold Bode und seine Mitstreiter die Documenta regelrecht in Ruinen gründeten. Die beiden Wandteppiche ergänzen sich nicht allein als zwei Halbkreise, die für sich allein genommen immer nur das halbe Bild der ganzen historischen Wahrheit liefern. Die geschwisterlich verbundenen Bilder erinnern daran, dass auch Kassel einmal ein deutsches Kabul war – zerstört, verheert, niedergedrückt. Nach 1945 wartete die Stadt lange auf den Wiederaufbau. Kunst und Kultur halfen seinerzeit, den Weg aus der Misere zu finden. Die Documenta entfesselte Energie, auch als gelebte Freiheit. Jetzt hat die D13 einen Außenposten in Kabul etabliert. Nun soll die Kunst dort den Weg nach vorn weisen – wie einst in Kassel.


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