„Kulturschutzgebiet“ seit 2006 Die Petersburg am Osnabrücker Güterbahnhof will Freiraum bleiben

Von Anne Reinert


Osnabrück. Der aktuelle Bebauungsplan sieht keine Kultur auf dem Güterbahnhof vor. Doch der Freiraum Petersburg will bleiben.

Der Weg zum Freiraum Petersburg ist länger geworden. Nachdem die Zion-GmbH, neuer Eigentümer des Güterbahnhofs, die direkte Zufahrt sperren ließ, müssen Autos einmal um die Güterabfertigung herumfahren. Erst dann ist das Schild des Freiraums erreicht. „Stattstaat Petersburg“ steht darauf. Und: „Alternatives Viertel“.

Das sagt viel aus über den Freigeist, der hier weht und dem Gelände anzusehen ist. Da gibt es etwa die „Handyzelle“, wie es jemand auf einen ausrangierten Kühlschrank mit Glasfront für Colaflaschen geschrieben hat. „Falls mal ein Zug vorbei kommt und es laut wird“, erklärt Florian Beyer vom Kulturverein Petersburg augenzwinkernd. Auffälliger sind die Plastikcontainer und Trockenmauern, in denen die Gruppe Querbeet Gemüse anpflanzt. Gärten sind eben auch Kultur. Erst recht für die Petersburg. „Wir haben einen breiteren Kulturbegriff“, sagt Florian Beyer. Die Petersburger definieren sie als etwas, „was Menschen bewegt und Gefühle entfacht“.

Das gilt natürlich auch für Musik und Kunst. Auf den zwei Etagen des Freiraums haben 30 Bands einen Probenraum gemietet. „Wir zahlen 30 Euro pro Person im Monat“, sagt Florian Raabe, Schlagzeuger einer noch namenlosen vierköpfigen Black-Metal-Band. So günstig sei das sonst nirgendwo in der Stadt.

An so einem Abend mitten in der Woche geht es eher ruhig zu. Hier und da ist hinter den Türen Sound zu hören. Auch in einem Atelier wird gearbeitet. Charlotte Dally steht vor einer Leinwand. Die Künstlerin teilt sich das Atelier mit Susanne Heitmann. Leinwand an Leinwand reiht sich in diesem vor Kreativität sprühenden Raum aneinander.

Traumfabrik hieß der Freiraum in seinen Anfängen. Gegründet wurde er 2007, als Carsten Gronwald das Gebäude auf dem Güterbahnhof entdeckte. Seitdem sind nicht nur viele Pflanzen gesprossen, sondern noch mehr Ideen. Einmal im Jahr gibt es den „Tag der offenen Burg“. Überhaupt öffnet der Freiraum immer wieder seine Türen, etwa bei Gartenfesten. Heute von 14 bis 18 Uhr findet etwa ein „offenes Gartentor“ statt. Vorher, um 12 Uhr, gibt es einen Sambaworkshop. Spontane Teilnehmer sind willkommen.

Die Stadt sah die Kultur bisher nur als Zwischennutzung für den Güterbahnhof. Das Theater am Güterbahnhof etwa musste seine Räume in der Güterabfertigung verlassen. Die Freikirche Lebensquelle macht sie zum Gemeindezentrum. Auch der nun öffentlich ausliegende Bebauungsplan sieht keine Kultur auf dem Güterbahnhof vor. Ausgeschlossen sei die Kultur aber nicht, erklärt Franz Schürings, Fachbereichsleiter Städtebau. Ob sie eine Zukunft hat, hänge aber auch vom Eigentümer ab.

Zion-Geschäftsführer Ralf Gervelmeyer hat es dem Freiraum Petersburg in den letzten Monaten schwer gemacht, indem er etwa Strom und Wasser abstellen ließ, weil nötige Baumaßnahmen nicht vorgenommen worden waren.

Der Freiraum ruft dazu auf, sich per Stellungnahme zum Bebauungsplan bei der Stadt für seinen Fortbestand einzusetzen. Das geht bis Freitag, 31. Mai. Auch aus dem Netz kommt Hilfe: Aus der Facebook-Gruppe „Demonstration –› Lebensquelle“ hat sich die Kiez AG formiert, die sich parallel zum Kulturverein für den Erhalt und Ausbau der Club- und Kulturszene einsetzen will. „Ralf Gervelmeyer legt der Kultur buchstäblich Steine in den Weg“, sagt Vorsitzende Nicole Catherine Dabrowski mit Bezug auf die Steine vor der Petersburg-Zufahrt. Das wollen die Kiez-AG-Leute, bisher selbst nicht auf dem Güterbahnhof aktiv, ändern.


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