Serie zu Vordemberge-Gildewart:Kopfporträt Im Muster der Zahlen und Zeichen

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<em>Exponat in Osnabrück:</em> Kurt Schraudenbachs Foto von Vordemberge-Gildewart. Repro: Jörn MartensExponat in Osnabrück: Kurt Schraudenbachs Foto von Vordemberge-Gildewart. Repro: Jörn Martens

„Eine Minute mit VG“: Unter diesem Titel stellen wir regelmäßig Exponate der Osnabrücker Ausstellung mit Werken von Friedrich Vordemberge-Gildewart vor. Heute: Das VG-Foto von Kurt Schraudenbach.

Osnabrück. Uhrwerk, Lineal, Geldbörse, Spule: Lauter nützliche Dinge montierte der Künstler Raoul Hausmann 1920 an einen hölzernen Kopf und nannte sein Kunstwerk „Der Geist unserer Zeit“ . Der Dada-Künstler zeigte anhand der montierten Objekte, was in dem Kopf ist – ein Geist nüchterner Verregelung. Hausmanns Plastik avancierte schnell zum Klassiker einer hellwachen, zeitkritischen Kunst.

Wer auf das Foto schaut, das Kurt Schraudenbach 1954 von Friedrich Vordemberge-Gildewart aufgenommen hat, könnte auf den Gedanken kommen, Hausmanns Kopf des geistlos durchorganisierten Dutzendmenschen mit dem Konterfei des konstruktivistischen Künstlers in Beziehung zu setzen. Doch das Foto, das derzeit im Rahmen der Ausstellung mit Werken Friedrich Vordemberge-Gildewarts im Osnabrücker Kulturgeschichtlichen Museum zu sehen ist, hat mit Hausmanns Zeitkritik wenig zu tun.

Dabei ähnelt Schraudenbachs Foto der Plastik Hausmanns auf den ersten Blick. Doch der Fotograf kritisiert Vordemberge-Gildewart (VG) nicht, er inszeniert den Künstler vielmehr als Meister der Maß- und Zahlenverhältnisse und der Typografie. Schraudenbach zeigt VG im Licht einer Projektion. Er berechnet sein Bildmotiv sensibel und genau. So erscheint das linke Auge des Künstlers im Bogenschwung der „3“ wie in einer Aura, während das rechte Auge von der schroffen Senkrechten eines großen „I“ markant betont wird. Die auf seinen Kopf projizierten Buchstaben verweisen auf die Typografie als eines der zentralen Arbeitsgebiete Vordemberges.

Anders als bei dem Kopf Hausmanns bestimmen die Dutzenddinge nicht den Geist. Schraudenbachs Foto ruft vielmehr den Eindruck eines Mannes hervor, dessen Denken gleichsam nach außen tritt. Zahlen und Buchstaben überziehen den Kopf wie eine zweite Haut. Sie bilden einen in sich gerundeten Kosmos künstlerischer Ideen und geistiger Bezüge. Kopf und Projektion ergeben ein neues, nur für einen Augenblick sichtbares Bild – als Symbol der Kreativität und Vorstellungskraft. Damit ist dieses Foto mehr als ein Zeitdokument. Es bringt als einfallsreiche Schöpfung die Ideenwelt eines Künstlers auf den Punkt – mit einem denkbar inspirierten Bild.


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