Vor 300 Jahren geboren Madame de Pompadour, die Mätresse und die Macht in Versailles

Schön und klug: Madame de Pompadour, wie sie Francois Boucher 1756 malt. Foto: Florent Lamontagne via www.imagoSchön und klug: Madame de Pompadour, wie sie Francois Boucher 1756 malt. Foto: Florent Lamontagne via www.imago
Florent Lamontagne via www.imago

Osnabrück. Mehr als die Geliebte des Königs: Madame de Pompadour zeigte, wie auch in Versailles eine Frau an die Macht kommen konnte. Ein politisches Lehrstück.

Kluge Frau oder berechnendes Luder? Sie angelt sich jedenfalls den König, einfach so. An einem Tag trägt sie ein blaues Kleid und lenkt eine rosa Kutsche, am nächsten Tag trägt sie Rosa und ist in einem blauen Gefährt unterwegs, als sie sich der Jagdgesellschaft des Königs nähert. Die Kunst der Selbstinszenierung beherrscht sie schon mit 23 Jahren. Ludwig XV. von Frankreich entschwindet mit der jungen Schönen 1745 inkognito auf geheime Bälle. Die Höflinge bleiben noch cool. Was soll ein bürgerliches Mädchen am Hofe von Versailles schon ausrichten? Dass Jeanne-Antoinette Poisson später einmal die geadelte Madame de Pompadour sein und sich als Schaltzentrale der Macht etablieren wird, ahnt da noch niemand. Zwei Jahrzehnte lang, bis zum ihrem Tod 1764, spielt sie das Spiel der Macht perfekt – und kreiert einen eigenen Lifestyle dazu, der fortwirkt, bis hin zu Modekreationen von Karl Lagerfeld.

Nichts als käufliche Liebe?

Dabei schauen Historiker lange Zeit an der Pompadour vorbei. Denn sie ist, was in der offiziellen Geschichtsschreibung einst als minderwertig galt: eine Mätresse. Das Wort klingt, gerade in der deutschen Verengung auf amouröse Abenteuer, nach losem Lebenswandel, nach käuflicher Liebe. Die Favoritinnen wechseln sich ab am Hof der französischen Könige. Sie steigen steil auf und stürzen jäh ab, etwa wie die berühmte Diane de Poitiers, die den Hof zu verlassen hat, kaum, dass ihr König Heinrich II. bei einem Turnierunfall sein Leben verloren hat. Die Favoritin, das bedeutet ein Leben wie im Rausch oder als Ritt auf der Rasierklinge, ganz nach Sichtweise und Schicksalsschlag. Die vor 300 Jahren, am 29. Dezember 1721 in Paris geborene Jeanne-Antoinette Poisson ist die erste Bürgerliche in der Reihe der bürgerlichen Mätressen – und die wohl Erfolgreichste obendrein.

-
Die Reproduktion zeigt Madame de Pompadour auf einem zeitgenössischen Stich. Die Dame, die seinerzeit König Ludwig XV. den Kopf verdrehte, starb am 15.04.1764. Foto: dpa

Frau mit Gespür für das Schöne

„Von Gestalt und Wesensart erschien sie mir bezaubernd. Sie saß bei ihrer Morgentoilette, und keine Frau hätte hübscher sein können. Darüber hinaus war sie unterhaltsam, so dass der König sie mehr als jede andere liebte“: So schildert Emmanuel Herzog von Croy in seinem Tagebuch seine erste Begegnung mit der späteren Madame de Pompadour. Ein Leben im rosaroten Liebeszauber – damit hätte es auch sein Bewenden haben können. Ludwig XV. wechselte seine Amouren schnell und vergaß die Schöne, die er gestern noch vergöttert hatte. Der Pompadour gelingt, woran andere Geliebte des Monarchen scheitern – sie etabliert ihr eigenes System der Macht am Hof. Ihr Geheimnis scheint simpel: Die kluge Frau aus dem Bürgertum wird aktiv, tritt als Schauspielerin am eigenen Theater auf, verhilft der heute weltberühmten Porzellanmanufaktur von Sèvres zu Glanz, gründet Militärakademien. Und sie lässt sich von berühmten Malern wie François Boucher mit einer Reihe großformatiger Porträts glanzvoll in Szene setzen.

Logik der Macht schnell gelernt

In einem Jahrhundert, das von Voltaire, Friedrich dem Großen und Maria Theresia geprägt wird, steigt die Pompadour zu einer Figur auf, die es in der starren Beziehungssymmetrie des Hofes von Versailles eigentlich gar nicht gibt. Sie avanciert zur inoffiziellen Premierministerin ihres Königs. Im Schachspiel der Macht ist sie die Dame im Sinn der Spielfigur – zwar eingebunden in ein System, aber doch mit einer Freiheit ihrer Züge, von der andere Figuren nur träumen können. Die Pompadour hat die Logik der Welt, in der sie sich in Versailles bewegt, schnell erfasst und bedient sich virtuos der Kunst, mit Gunstbeweisen ein feines Beziehungsnetz zu spinnen. Die Pompadour erscheint aus heutiger Sicht als Influencerin bei Hofe, als Technikerin der Macht, als Propagandistin ihres eigenen Systems. Und sie wird ernst genommen. Sogar der Preußenkönig Friedrich der Große, der Pompadour in Todfeindschaft aufrichtig verbunden, weist seinen Botschafter an, die Nähe der Mätresse zu suchen. Er weiß, wem das Ohr des Königs von Frankreich gehört.

Eine Merkel des 18. Jahrhunderts?

Die Pompadour – eine Angela Merkel des 18. Jahrhunderts? Der Vergleich muss überzogen klingen. Aber Ludwigs Mädchen emanzipiert sich, liefert ein bis heute instruktives Lehrstück zum Thema Frauen und Macht. Die Pompadour entdeckt die Macht der Kommunikation, unterläuft damit manches Imponiergehabe der Männer. Und sie versteht, welche Kraft ein gut gepflegtes Image entfalten kann. Auf ihren Porträts erscheint sie als auf Rosen gebettete Schönheit, die aber am Schreibtisch sitzt und Bücher wälzt. „Champagner ist das einzige Getränk, das Frauen schöner macht, je mehr sie davon trinken“: Mit solchen Bonmots wird die Favoritin zur Lifestyle-Ikone ihrer Epoche. Pompadour – so heißt heute noch die kleine Handtasche am Handgelenk, die Pompadour inspirierte mit ihrem Look Modeschöpfer wie Karl Lagerfeld.

Tod schon mit 43 Jahren

Aber rosarot war ihr Leben nur zu Beginn. „Außer dem Glück, mit dem König sein zu dürfen (…), ist der Rest nichts als ein Gewebe aus Bosheit und Oberflächlichkeit, kurz all der Unsäglichkeiten, derer die armselige menschliche Natur fähig ist“, bilanziert die Pompadour ihr Leben mit der Macht und mit Versailles. 1764 stirbt sie, 43 Jahre alt, an einer Lungenentzündung. Genau 25 Jahre später fegt ein Ereignis das System ihrer Epoche hinweg, das Weltgeschichte schreiben wird: die Französische Revolution.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der NOZ MEDIEN und mh:n MEDIEN