25 Jahre Stolpersteine Impulsgeber für die Aufarbeitung des NS-Terrors in unserer Region

Von Markus Pöhlking | 16.12.2017, 07:00 Uhr

Am 16. Dezember 1992 setzte der Künstler Gunter Demnig vor dem Historischen Rathaus in Köln den ersten seiner „Stolpersteine“. Seitdem ist ihre Zahl auf europaweit 63.000 angewachsen. Eingefasst in Gehwege erinnern sie an Menschen, die in der Zeit des Nationalsozialismus ermordet wurden. In der Region Osnabrück/Emsland trugen und tragen sie einen erheblichen Teil zur Erforschung der Ereignisse von damals bei.

Die Oberfläche aus Messing, die auf den viereckigen Betonquadern prangt und typisches Merkmal der Stolpersteine ist, ist nur wenige Quadratzentimeter groß. Sie enthält gerade genug Platz für Namen, Wohnort, Lebens- und Sterbedaten des Menschen, an dessen letzte Wohnstatt vor der Deportation sie erinnert. Das reicht, um beim Gang durch die Stadt kurz innezuhalten, eben zu stolpern und vielleicht zu studieren, wie der Mensch hieß, dem der Stein gewidmet ist, wie alt er wurde und wo und wann er starb. Das reicht, um beim Gang durch die Stadt kurz innezuhalten, zu stolpern eben und vielleicht zu studieren, wie der Mensch hieß, dem der Stein gewidmet ist, wie alt er wurde und wo und wann er starb. Die Angaben sind vielfältig, mordeten doch die Nazis nicht nur in großen Todeslagern wie Auschwitz und Dachau, sondern auch in zahlreichen kleinen Lagern, in Heil- und Haftanstalten, auf Todesmärschen und nach Standgerichten. Die Namen von Juden, von Deserteuren und Homosexuellen finden sich genauso wie die von Opfern des Euthanasieprogramms und von Oppositionellen auf den Stolpersteinen.

Demnig, ihr Schöpfer, bezeichnete diese einmal als „größtes dezentrales Mahnmal der Welt.“ Wahrscheinlich sind sie auch das mit der breitesten Basis an Partizipierenden: Den Wunsch, Stolpersteine zu setzen, tragen meist lokale und regionale Akteure aus der Zivilgesellschaft, die sich mit Opferschicksalen aus ihren Heimatorte beschäftigen, an den Künstler heran – also etwa Heimatvereine , Schulklassen, kirchliche Gruppen und Privatpersonen.

Akribische Quellenarbeit

Der Rat der Stadt Osnabrück genehmigte 2006 das Setzen von Stolpersteinen, bislang sind es 284 geworden. Es gibt einen „Initiativkreis Stolpersteine“, in dem verschiedene Gruppen und Einzelpersonen organisiert sind und mehrere Arbeitskreise, die sich etwa mit Opferrecherche beschäftigen und mit der Frage, wer eigentlich Opfer im Sinne des Stolpersteinprojektes ist. Das bei der Stadt angesiedelte Büro für Friedenskultur koordiniert die Aktivitäten, die oft wissenschaftliche Ausmaße annehmen. „Die Biografien von Opfern müssen oft akribisch rekonstruiert werden, um die Kriterien für einen Stolperstein zu erfüllen“, berichtet Friedensbüroleiterin Christine Grewe. Längst nicht allen von den Nazis Ermordeten können Stolpersteine gesetzt werden, sondern lediglich denen, wo die Überlieferungssituation eindeutige Rückschlüsse auf den letzten Wohnort sowie die Todesumstände möglich seien. Viele Aktenbestände und Karteien haben den Krieg nicht überdauert, weswegen die Zahl der eruierbaren Schicksale limitiert sei. „Angesichts der uns derzeit bekannten Quellen gehe ich davon aus, dass wir uns im letzten Quartal des Projektes befinden.“

Die Stolpersteine hätten in der Osnabrück Erinnerungs- und Gedenkkultur Impulse gesetzt, sagt Grewe. Auf Recherchen des Initiativkreises hin hätten sich Zeitzeugen gemeldet, die teils noch persönlichen Kontakt zu Opfern hatten. „Durch die Öffentlichkeit, die die Stolpersteine schaffen, sind die Opferschicksale, aber auch das System des NS-Terrors insgesamt viel präsenter geworden“, resümiert Grewe. Zudem habe das Projekt auch wissenschaftliche Arbeiten befeuert: „Die Stolpersteine haben viele Aktivitäten angestoßen, in deren Summe sich ein klares Bild der Verfolgung und der Opfergruppen in unserer Region ergibt.“

Ausgangspunkt zu weiteren Recherchen

Gerhard Kothmann, Sprecher der Initiative Stolpersteine in Osnabrück, würdigt die breite Akzeptanz des Projektes in der Stadt. Praktisch alle in Osnabrück ansässigen Institutionen der Erinnerungskultur seien an Bord, dazu zahlreiche Privatpersonen. Man verstehe sich ausdrücklich als ehrenamtliche Bürgerinitiative, die losgelöst von politischem Einfluss agiere. Ein Verdienst sei die Verankerung ihres Anliegens in breiten Teilen der Stadt. Die Stolpersteine seien in der Öffentlichkeit präsent, seien Gegenstand von Schulprojekten und dort für viele Jugendliche Ausgangspunkt zu Recherchen über Schicksale und die Zeit des Nationalsozialismus. „Die Stolpersteine machen die Schicksale anschaulich und damit den Wahnsinn der Zeit insgesamt.“

Aus dem Landkreis Osnabrück, wo derzeit ungefähr 140 Stolpersteine – meist in Gemeinden und Städten des Nordkreises – gesetzt sind und im Emsland, wo die Zahl bei ungefähr 230 liegt, berichten die Akteure hinter den Stolpersteinen ähnliches. „Über die Stolpersteine haben wir zahlreiche weitere Aktionen initiiert, die sich mit den daran anknüpfenden Themen wie Ausgrenzung, Verfolgung und besonders dem einstigen jüdischen Leben in unserer Region auseinandersetzen“, erklärt Holger Berentzen, der die Stolperstein-Initiative in Meppen vertritt. Dort wurde 2006 der erste Stolperstein gesetzt, Berentzen war bereits damals mit dabei. „Das Leid dieser Menschen, an die wir mit den Stolpersteinen erinnern, hat mich angerührt und mich letztlich zu meinen Engagement bewogen.“

Stolpersteine nicht unumstritten

Dabei war und ist das Projekt Stolpersteine bis heute nicht unumstritten. Charlotte Knobloch etwa, Holocaust-Überlebende und Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, kritisierte, das Andenken an die Ermordeten würde durch die Stolpersteine sprichwörtlich mit Füßen getreten. Die Münchener Stadtpolitik orientiert sich an dieser Haltung, in der bayerischen Landeshauptstadt ist das Setzen von Stolpersteinen auf öffentlichem Grund untersagt. Wie viele andere, will Berentzen dieses Argument nicht gelten lassen. „Ich finde, die Stolpersteine im Boden führen eher zu einer Verbeugung vor den Verstorbenen.“

Michael Grünberg, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Osnabrück, zu deren Einzugsgebiet auch das Emsland zählt, spricht von einer persönlichen Entscheidung, die man hinsichtlich der Stolpersteine fällen müsse. „Ich persönlich finde es gut, dass es wieder Namen gibt und dass Orte gezeigt werden, an denen die Menschen gelebt haben.“ Für seine Gemeinde habe es „eine große Bedeutung“ gehabt, als die Stolpersteine in die Region kamen. „An den meisten Orten ist das Projekt sehr konsequent aufgegriffen worden und leistet einen starken Beitrag zur Aufarbeitung der Geschichte. Grünberg, gebürtiger Emsländer, verweist auf die großen Möglichkeiten, die die Stolpersteine auch im Kleinen schüfen. In Lathen etwa haben Schüler zu den dort verlegten Stolpersteinen Audioguides produziert, in denen die Lebenswege der Opfer erzählt werden. „Das zeigt: Stolpersteine können Ausgangspunkt zu zahlreichen weiteren Initiativen der Erinnerung sein, was nur zu begrüßen ist.“

Sensibler Umgang mit Widerständen

Gemein ist den Initiativen der Region der sensible Umgang mit Widerständen gegen Stolpersteine. „Eine Abwehrhaltung gegen die Erinnerungskultur an sich haben wir so nie verzeichnet“, berichtet Christine Grewe aus ihren Erfahrungen in Osnabrück. Es habe einige wenige Fälle gegeben, in denen Menschen Stolpersteine vor ihrer Haustür abgelehnt hätten – etwa weil sie fürchteten, dadurch täglich an leidvolle Kapitel der eigenen Familiengeschichte erinnert zu werden. Diese Bedenken konnten aber stets zerstreut werden, lediglich in einem Fall wurde ein Stein gegen den Willen eines Geschäftsbesitzers gesetzt, der dadurch wirtschaftliche Nachteile befürchtete. Fälle von Vandalismus und herausgerissenen Steinen hat es, so berichten alle Akteure, weder in der Region noch im Emsland gegeben.