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Bekenntnis zum kleinen Glück Paris-Fotografien von Willy Ronis in Münster

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Morgens um sieben: Mit seinen Fotos zeigt Willy Ronis eine Welt in schönster Ordnung. Bestes Beispiel: „Der kleine Pariser Junge, Paris 1952“.© Succession Willy Ronis, diffusion agence RaphoMorgens um sieben: Mit seinen Fotos zeigt Willy Ronis eine Welt in schönster Ordnung. Bestes Beispiel: „Der kleine Pariser Junge, Paris 1952“.© Succession Willy Ronis, diffusion agence Rapho

Münster. Gibt es das kleine Glück? Willy Ronis hat es sein Leben lang gesucht. Seine Fotografien zeigen ein Frankreich, das dem Klischee des leichten Lebens entspricht. Wenigstens auf den ersten Blick. Münster zeigt jetzt den Fotokünstler, dessen Bilder fast so vergessen sind wie das Paris, das sie zeigen.

Aber warum ist Willy Ronis (1910–2009) trotz charmanter Motive und großer Ausstellungen, unter anderem im New Yorker Museum of Modern Art, in die Wahrnehmungsfalte gerutscht? Wer seine 80 schwarz-weißen Fotografien im Münsteraner Kunstmuseum Pablo Picasso betrachtet, weiß sofort die Antwort: weil der weltberühmte Robert Doisneau nicht nur ganz ähnliche Motive fotografiert, sondern vor allem die markanteren Situationen festgehalten hat. Doisneau gelang, was Ronis auch mit viel Mühe kaum einmal erreichte – in einem Bild eine Weltsekunde einzufrieren. Die Küssenden vor dem Hôtel de Ville : Das ist so eine Weltsekunde, das ist vor allem so ein Bild, das Ronis im Vergleich wie den ewigen Zweiten aussehen lässt.

Das ist bedauerlich genug. Denn Willy Ronis, der Mann aus dem 11. Pariser Arrondissement, der Gegend von Bastille und revolutionärer Historie, hat auf schönste Weise für den sogenannten einfachen Mann Position bezogen, er hat das Paris der auch bildlich zu Tode zitierten einfachen Leute gesucht und immer wieder gefunden, den Kampf der Menschen mit wenig Geld für ein würdiges Dasein im Bild gefeiert. All das ehrt Ronis – ebenso wie seine in der Tat formidablen Fotos.

Aber es fehlt ihnen der Blick für die surreale Dimension eines Daseins, das für einen Wimpernschlag aus der gewohnten Ordnung tritt. Doisneau hat den Blick dafür, etwa als er einen Mann im Regen fotografiert, der mit dem Parapluie seinen Cello-Koffer, aber nicht sich selbst beschirmt . Oder Henri Cartier-Bresson, der einen Mann beim Sprung über eine Pfütze zeigt. Aus Mann und symmetrischem Spiegelbild baut Cartier-Bresson ein Daseinsgleichnis mit philosophischer Tiefendimension. Willy Ronis drückt auf den Auslöser, als eine Dame an der Place Vendôme über ein Pfützlein hüpft. Das ist aufmerksam beobachtet und gut fotografiert. Mehr aber nicht.

Dabei liegt Willy Ronis wieder im Trend. Er trifft ein echtes Anliegen unserer eigenen, von Konflikten und Skandalen gebeutelten Zeit. Ganz im Sinn der Essayistin und Fotografietheoretikerin Susan Sontag blickte Ronis durch den Sucher auf Glücksverlangen und Leid der Menschen. Den technischen Apparat in seiner Hand machte er zum Instrument einer emphatischen Lebensbejahung. Als Mitglied der Kommunistischen Partei Frankreichs ergriff Ronis nicht nur weltanschaulich Partei. Er formulierte auch das dazu passende künstlerische Konzept. „Vor-Visualisierung“: Nach diesem Muster suchte Ronis die realen Motive für die bereits im Kopf vorgeformten Bilder. Der Mann, der im Fotostudio des Vaters sein Handwerk lernte, hangelte sich am Konzeptgeländer durch die Wirklichkeit. Magier der Fotografie wie Henri Cartier-Bresson verstanden es, im Rhythmus einer dissonanten Realität zu tanzen. Das macht den Unterschied.

Gleichviel. Ronis beeindruckt mit packenden Fotos. Er zeigt den Streik der Citroën-Arbeiter, bringt mit dem Boulevard Richard Lenoir die private Adresse von Kommissar Maigret ins Bild, er modelliert den „Pont Alexandre III“, jene betörend elegant geschwungene Seine-Brücke mit so mächtigen Nachtschatten, als wäre sie ein Filmstill aus Woody Allens „Midnight in Paris“. Ja, Ronis zaubert ein Paris der Träume, eine duftig flirrende Provence dazu. Aber es bleibt dabei: Die Ausstellung zeigt beste Fotos, aber kaum einen magischen Moment.

Münster, Kunstmuseum Pablo Picasso: Willy Ronis. Eine Retrospektive. Bis 1. September. Di.–So. 10–18 Uhr. www.kunstmuseum-picasso-muenster.de/


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