Pandemie verschärft strukturelle Probleme Corona wirft Schauspieler aus dem Personalkarussell

Baustelle Theater: Hier arbeiten Techniker auf der Bühne in den Münchner Kammerspielen. Hinter der Bühne warten die Strukturen auf Reformen.Baustelle Theater: Hier arbeiten Techniker auf der Bühne in den Münchner Kammerspielen. Hinter der Bühne warten die Strukturen auf Reformen.
Sven Hoppe/dpa

Osnabrück. Verträge an deutschen Theatern erlauben Intendanten eine flexible Personalpolitik. Das Nachsehen haben die Darsteller.

Am Theater ist die Sache ganz klar geregelt: Ein neuer Intendant bringt neues künstlerisches Personal mit, damit er seine künstlerischen Vorstellungen umsetzen kann. Ob er das als unumschränkter Herrscher oder als Teamplayer tut, liegt an der Persönlichkeit; Beispiele gibt es für beide Varianten. Die Legitimation, im großen Stil Personal auszutauschen, gibt ihm jedenfalls das Vertragswerk an deutschen Theatern, genauer: Der „Normalvertrag Bühne“, kurz „NV Bühne“ genannt. Seit Jahrzehnten dreht sich mithilfe dieses Vertrags das Personalkarussell des deutschen Theatersystems, und niemand hat sich groß daran gestört, weil’s ja reibungslos lief.

Die Praxis der Nichtverlängerung

Neben Arbeitszeiten, Urlaub, Dienstpflichten regelt dieser Vertrag auch, wie ein Schauspieler oder eine Sängerin aus dem Dienst am Theater scheiden: In der Regel nicht durch Kündigung, sondern durch „Nichtverlängerung.“ Im Klartext heißt das: Ein Engagement verlängert sich automatisch um eine Spielzeit, es sei denn, der Intendant oder der Darsteller spricht bis zum 31. Oktober, bei länger Beschäftigten bis 31. Juli der Vorsaison, die Nichtverlängerung aus. Dann ist am Saisonende Schluss.

Die Corona-Pandemie wirft nun ein Schlaglicht auf diese Routine, weil Schauspieler nicht ohne weiteres für neue Engagements vorsprechen und -spielen können. Aber Kritik an dem Verfahren formulieren Interessenverbände wie die Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger (GDBA) und das Ensemble-Netzwerk den NV Bühne schon länger. „Es müssen dringend neue Regelungen geschaffen werden, um Massennichtverlängerungen im Zuge eines Intendantenwechsels zu verhindern“, sagt Jörg Löwer, der Präsident der GDBA. Das Damoklesschwert der Nichtverlängerung schwebt indes auch ohne Wechsel in der künstlerischen Leitung permanent über Schauspielern und Sängern. Das Gros der Künstler hangelt sich von Jahr zu Jahr durchs Theaterleben. Erst, wer 15 Jahre an einem Haus war, darf aus dem Nichtverlängerungskarussell aussteigen und erreicht die Unkündbarkeit. Vorher ein Leben jenseits der Bühne zu planen, mit Familie und Eigenheim, wird da denkbar schwierig. Künstlerpech?

Der Deutsche Bühnenverein, die Arbeitgeberorganisation der Theater, will jedenfalls an den Regelungen des NV Bühne festhalten. Der stellvertretende geschäftsführende Direktor des Bühnenvereins, Michal Schröder sagt:

„ Befristete Arbeitsverträge in der Kunst sind sachlich gerechtfertigt.“

Als Argument führt er die Kunstfreiheit ein: Ein Intendant muss die Möglichkeit haben, seine Vorstellungen mit dem Personal umzusetzen, das sich aus seiner Sicht am besten dafür eignet. An der Frage, ob ein Haus auf klassisches Ballett setzt oder auf zeitgenössisches Tanztheater, hängen ja, so Schröder, Grundsatzentscheidungen.

Der neue Chefdirigent eines Tariforchesters genießt diese Kunstfreiheit nicht: Er muss mit den Musikern vorliebnehmen, die er vorfindet, egal, ob er auf historisch geschärften Originalklang setzt oder auf opulente Spätromantik. Und etwas ähnliches soll im Schauspielensemble nicht möglich sein? „Die Arbeitgeber tragen die künstlerische Ausrichtung wie eine Monstranz vor sich her - ohne irgendeine Berücksichtigung anderer Gesichtspunkte“, sagt Löwer. Lisa Jopt, erste Vorsitzende des Ensemble-Netzwerks, formuliert ihre Vorbehalte noch schärfer: Die künstlerische Ausrichtung nennt sie „einen der lächerlichsten Gründe“ für die Nichtverlängerung. Sie sagt: 

„Schauspieler sind ausgebildet, in unterschiedlichsten Setzungen zu funktionieren.“

Weiter sagt Jopt: „Sie sind es gewohnt, alle sechs Wochen in neuen Umgebungen und Setzungen zu funktionieren, egal, ob es ums Staccato eines Jelinek-Stückes geht, ob die Inszenierung über Improvisation erarbeitet wird oder ob ein Klassiker auf die Bühne kommt.“ Sechs Wochen: So lange proben Ensembles in der Regel, bis ein Stück auf die Bühne kommt.

Das Ende des Ensembletheaters?

Ohne NV Bühne in der jetzigen Form könnte das auch die Phase sein, die ein Schauspielensemble an einem Haus beschäftigt ist. „Die Alternative zum NV Bühne in der jetzigen Form wäre ein System, das nur eine kleine Mannschaft fest beschäftigt, während Produktionen durch Gäste besetzt werden“, sagt Schröder vom Bühnenverein. Der Intendant und sein Leitungsteam als feste Kräfte, während Darsteller in die Soloselbständigkeit geschickt werden: Das wäre das Ende des Ensemblegedankens, der die deutsche Theaterlandschaft auszeichnet und so einzigartig in der Welt macht.

Andererseits stattet dieses System einen Intendanten mit einer erheblichen Machfülle aus – ein Problem, das nicht zuletzt das Ensemble-Netzwerk in die öffentliche Diskussion gebracht hat. Tatsächlich kommt Bewegung in das starre System: Am Badischen Staatstheater in Karlsruhe hat das Ensemble den autoritären Führungsstil des dortigen Generalintendanten Peter Spuhler öffentlich gemacht und eine dritte Intendanzphase verhindert. Am Theater Krefeld und Mönchengladbach hat nicht Generalintendant Michael Große den Spartenleiter fürs Schauspiel eingesetzt, sondern das Ensemble hat Christoph Roos in die Position gewählt. „Ein Theater ist gut beraten, die Belegschaft einzubeziehen“, kommentiert Schröder vom Bühnenverein das. Wie sich ein Haus organisiert und strukturiert, sei aber nicht allein Sache des Intendanten. Verantwortlich dafür seien die Träger der Theater, sagt Schröder. In der Regel sind das die Kommunen.

Die Würde des Menschen

Damit nimmt der Bühnenverein die Kulturpolitik in die Pflicht und ist ganz nah an der Gewerkschaftsposition: Auch Löwer sieht die Verantwortung für die Verhältnisse an deutschen Theatern in der Politik. Immerhin: Erste Erfolge auf dem Weg hin zu mehr Rechten für Künstler am Theater gibt es, siehe Krefeld-Mönchengladbach. Seit 2018 liegt die tariflich festgesetzte Mindestgage bei 2000 Euro, und Schwangere sind vor Nichtverlängerung geschützt. Von den 3000 Euro Brutto-Mindestgage, die das Ensemble-Netzwerk fordert, sind Schauspielerinnen und Sänger allerdings noch gutes Stück entfernt, der Intendantenwechsel bleibt weiterhin ein Grund für Nichtverlängerung, und dass das Verbot von Beleidigungen und Beschimpfungen in einer „Fairness-Charta“, wie sie das Ensemble-Netzwerk vorschlägt, festgeschrieben werden muss, wirkt befremdlich. Zumal für Institutionen, die auf der Bühne die Würde des Menschen verhandeln.


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