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Er hat es gesagt Wieso wurde Kinskis Geständnis ignoriert?

Vater und Tochter: Pola Kinski beschuldigt Klaus Kinski, sie jahrelang missbraucht zu haben. Foto: dpaVater und Tochter: Pola Kinski beschuldigt Klaus Kinski, sie jahrelang missbraucht zu haben. Foto: dpa

Osnabrück. Wie kaum ein Zweiter hat Klaus Kinski öffentliche und künstlerische Rolle verschmolzen. So hat er in seinen Memoiren seine Haltung zum Kindesmissbrauch dokumentiert.

Klaus Kinski ist seit über 20 Jahren tot; zu den Vergewaltigungsvorwürfen seiner Tochter kann er sich nicht mehr äußern. Seine Haltung zum Kindesmissbrauch ist allerdings dokumentiert – zum Beispiel in den Memoiren „Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund“ – dem Pola Kinski nun ihr Buch „Kindermund“ entgegenstellt. Im sensationalistischen Bestseller schildert Kinski 1975 beispielsweise, wie er eine 14-Jährige entjungfert habe – und verbrämt den Missbrauch kulturell mit Mallarmé-Gedichten. Das ist nur eine Passage von mehreren, in denen Kinski ausdrücklich strafbare, sexuelle Handlungen mit Kindern beschreibt.

„Man hätte dieses Monster schon 1975 verhaften müssen“, schreibt dazu jetzt die „Bunte“. Der entmenschende Tonfall erschreckt; die Frage bleibt: Warum also ist der Autobiograf Kinski nicht verhaftet worden? Warum habe auch ich in einem Artikel zu seinem 20. Todestag geschrieben: „Natürlich glaubt man nichts davon“ – und empfohlen, von Kinskis autobiografischen Schriften einfach die Finger zu lassen?

Die Antwort führt tief in die Poetik eines Schauspielers, der wie kein Zweiter seine öffentliche Persona und seine Rollen verschmolzen hat. Immer neu steigerte er sich in die absolute Identifikation mit Ausnahmegestalten. Erst war es der mittelalterliche Vagantendichter François Villon. Dann ein Jesus, den Kinski als Peitschen schwingenden Sozialrevolutionär auffasste. Zuletzt der Exzess-Charakter des Teufelsgeigers Paganini. Aus der Autosuggestion heraus, dem Vorbild bis ins Mark zu gleichen, erweckte Kinski all seine Schreckensfiguren zum Leben.

In Autorenfilmen, Italo-Western und Wallace-Krachern verkörperte Kinski diabolische Außenseiter; und er beglaubigte sie, indem er sich selbst zum Teufel stilisierte. Der Publizist Peter Geyer arbeitet in seiner Edition von Kinskis Nachlass heraus, wie konsequent der Schauspieler seine Vita von Beginn an gefälscht und nach dem Bild des amoralischen Genies ausgestaltet hat. Seine Missbrauchsbekenntnisse wirkten in diesem Kontext schlicht wie eine finstere Prahlerei. Heute müssen wir uns vorwerfen, dass niemand die Frage stellte: Was, wenn es wahr wäre?

Stattdessen wurden die realen Ausbrüche des Bürgerschrecks zum Kultereignis. Seine Wutanfälle in Interviews füllen heute die Fan-DVDs „Kinski Talks“. Eine Doku über seine gewalttätige Publikumsbeschimpfung bei der Rezitationstour „Jesus Christus Erlöser“ (1971) ist unter Cineasten höchst beliebt. Die populärste Kinski-Anekdote stammt von Werner Herzog. Beim Dreh der Urwald-Filme „Aguirre“ (1972) und „Fitzcarraldo“ (1982) habe er über Wochen so getobt, dass die indigenen Statisten den Star für schlechthin böse erklärt – und dem Regisseur seine Ermordung angeboten haben.

„Es ist gut, dass er tot ist“, findet jetzt auch die „Bunte“. Was für ein Satz. Tatsächlich macht Kinskis Abwesenheit den Schaden nur noch schlimmer. Weil niemand mehr da ist, der seinen Kindern, seinen Frauen, dem Publikum und sich selbst darüber Rechenschaft ablegt, wo und warum Kinski die Grenze zwischen Leben und Legende überschritten hat.


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