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Der Film entdeckt sich selbst Retrospektive zum konstruktivistischen Film – Osnabrücker Vordemberge-Gildewart war Gründerfigur

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Osnabrück. Geometrische Formen, fließende Kreise und Wellen: Der Konstruktivismus hat auch den Film und seine Sprache geprägt. Das 26. European Media Art Festival (EMAF) widmet dieser Richtung der Avantgarde seine Retrospektive.

Dabei geht es nicht allein um den Rückblick auf eine gewichtige, aber abgeschlossene Vergangenheit. Der Konstruktivismus entdeckte in den Zwanzigerjahren den Film als junges Medium für sich. Experimentalfilme, die sich auf die Bildsprache der Avantgarde beziehen, werden hingegen bis in die Gegenwart gemacht. Die Retrospektive startet unter dem Titel „Konstrukt Film oder Filmischer Konstruktivismus“ am Donnerstag, 25. April, um 18.30 Uhr in der Osnabrücker Lagerhalle.

Das Thema könnte gerade in diesem Jahr übrigens kaum besser gewählt sein. Denn zu den frühen Initiatoren des konstruktivistischen Films gehört der Osnabrücker Künstler Friedrich Vordemberge-Gildewart (1899– 1962). Passend zum „Vordemberge-Gildewart-Jahr“ , das die Stadt Osnabrück zum 50. Todestag des Künstlers ausrichtet, rückt das EMAF den Konstruktivisten Vordemberge-Gildewart als Impulsgeber des Films neu in den Blick. Vordemberge organisierte 1925 das Programm „Der absolute Film“ in den Palast-Lichtspielen in Hannover. „Möglich ist ein Bild nur noch in seiner gänzlich gegenstandslosen Farb- und Formwertung“, sagte der Künstler in seiner Ansprache zum Hannoveraner Filmprogramm.

„Dynamische Spannung“ statt „Inhalt und Gegenstand“ und vor allem: „kein Kontakt mehr mit den Naturerscheinungen“. Was Vordemberge-Gildewart fordert, setzen Künstlerkollegen sofort um – und das nicht nur beim Lichtspielprogramm in Hannover. Vorreiter der Bewegung ist der Bauhaus-Lehrer László Moholy-Nagy, dessen „Licht-Raum-Modulator“ (1923–1930) als bewegliche Plastik abstrakte Lichtbilder an die Wand wirft. Und mit seinen abstrakten „Opus“-Filmen sorgt Walther Ruttmann für Furore, bevor er mit „Berlin – Die Sinfonie der Großstadt“ (1927) einen Metropolenfilm drehte, der die Atmosphäre der Zwanziger- jahre beispielhaft in Filmkunst eingefangen hat.

Ruttmanns 1921 uraufgeführtes „Opus 1“ gilt als erstes abstraktes Werk der Filmgeschichte. Die EMAF-Retrospektive startet mit diesem elf Minuten langen Streifen, der einen Künstlertraum erfüllte – nämlich den, mit Film so arbeiten zu können wie mit Pinsel und Farbe, wie Ruttmann formulierte.

Die Retrospektive gliedert das Thema Konstruktivismus im Film in drei Kapitel. Auf „Die Anfänge“ mit Ruttmann und anderen Avantgardisten folgen „The Days After“ und schließlich „Digital Times“. Besondere Höhepunkte markieren die aus 6700 Einzelbildern animierte „Diagonal Symphonie“ von Viking Eggeling und „Rhythmus 21“ des Berliner Konstruktivisten Hans Richter. Mit dem jüngsten Film im Programm schließt sich der Kreis. Billy Roisz realisierte mit „Zounk!“ 2013 einen abstrakten Film, der mit seinen Streifen und Rastern an die Bilder Piet Mondrians erinnert. So bleibt der konstruktivistische Film lebendige Gegenwart.


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