"NOZ-Kulturbühne" Hajo Schumacher rät zur digitalen Entschleunigung

Hajo Schumacher hat neben "Kein Netz!" auch die Bücher "Männerspagat" und "Restlaufzeit" geschrieben.Hajo Schumacher hat neben "Kein Netz!" auch die Bücher "Männerspagat" und "Restlaufzeit" geschrieben.
Jörn Martens

Osnabrück. Mit dem Journalisten Hajo Schumacher als Gast startete die "NOZ-Kulturbühne" nach einer Sommerpause. "Kein Netz" heißt sein neues Buch, über das er mit NOZ-Chefredakteur Ralf Geisenhanslüke und NOZ-Redakteurin Elke Schröder sprach. Darin zieht der Buchautor nüchtern Bilanz, was das Internet aus unserem Leben, unserer Gesellschaft gemacht hat und analysiert Auswüchse der fortschreitenden Digitalisierung, sowohl im Gesellschaftspoltischen als auch in seinem Privatleben.

"Digtatur" – so nennt Schumacher die Gefahr, die er durch die Digitalisierung sieht. Gemeint ist eine digitale Diktatur: "Das Internet gefährdet die Demokratie auf verschiedenen Ebenen", erklärte der Publizist. Als Beispiel nannte Schumacher das soziale Belohnungssystem in China: "Wenn das funktioniert, es weniger Kriminalität gibt und sich das Gesellschaftsklima verbessert, dann kommen vielleicht auch ein Orban oder ein Erdogan und finden das System gut." Dann sei Schluss mit der Demokratie. 

Dass die Digitalisierung auch sein Familienleben beeinflusste, merkte der Autor erst nach und nach: "Meine Frau und ich saßen mitunter Rücken an Rücken da und jeder starrte für sich auf sein Handy." Wie Schumacher erzählte, tat das seiner Familie nicht gut – man lebte zwar zusammen, aber weniger miteinander. "Also haben wir ganz banale Dinge wieder etabliert, wie das gemeinsame Abendessen." Beim Spazieren gehen lässt er außerdem bewusst das Handy zuhause – das sei nicht anti-digital sondern vernünftig-digital, sagte Schumacher. 

Jörn Martens
Elke Schröder, Ralf Geisenhanslüke und Hajo Schumacher im Gespräch bei der NOZ-Kulturbühne.

Und von der jungen Generation müsse man noch einiges lernen: "Ich bin noch in der Seniorität aufgewachsen", so Schumacher, "der Ältere hat Recht und mehr Erfahrung." Heute sei es umgekehrt: Als medienaffine Generation seien nun die jungen Menschen an der Reihe, den älteren die digitale Welt zu erklären. "Das ist manchmal schon ein komisches Gefühl, aber auch beglückend, wenn man von jungen Leuten etwas lernen kann." 

Für seinen eigenen "vernünftig-digitalen" Umgang mit dem Internet hat sich Schumacher ein paar einfache Strategien überlegt: "Ich habe keine Facebook-, Twitter- oder andere Social-Media-Apps auf dem Handy, das geht also nur einmal morgens und einmal abends am stationären Rechner." Seine Handyhülle verdeckt den Bildschirm – so sieht er nicht, wenn der aufleuchtet. Bei der Arbeit macht der 54-Jährige das Mobiltelefon auch mal ganz aus. "Bewusstes Entschleunigen" nennt er das. Für die Zukunft wünscht Schumacher sich Politiker, die nicht auf das Bruttosozialprodukt, sondern das digital-analoge Wohlbefinden der Bevölkerung achten. 


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN