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Vom Äffchen zum Gorilla

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Von Christine Adam

Osnabrück.
Siehe da - der Tabubruch muss keine Bleigewichte, keine Ekelgebirge mit sich schleppen. Er kann auf der Bühne gezeigt werden, ohne dass das Blut in Adern vor Entsetzen stockt. Sicher, da liegt ein verkohlter menschlicher Rumpf im Sand, werden blutverschmierte Hände und Beine herumgetragen. Doch eine Nummer größer dimensioniert als in der Realität, einen Hauch verfärbter - und Plastik bleibt als Plastik erkennbar. Nicht um den Tabubruch als blanke Provokation geht es dem amerikanischen Theaterautor Nicky Silver, sondern um die Frontalattacke gegen die entleerten Lebensformen und Rituale unserer Zivilisation. Solcher Zorn adelt die Mittel.

"Fette Männer im Rock", das viel gespielte Erfolgsstück Silvers, eine Versuchsanordnung irgendwo zwischen Boulevardkomödie und Gruselschocker, zeigt die neurotische Brüchigkeit einer typischen Kleinfamilie unter Extrembedingungen. Mutter Phyllis und Söhnchen Bishop vegetieren nach einem Flugzeugabsturz auf einer einsamen Insel - und die familiäre Hackordnung beginnt zu wanken.

Im emma-theater der Städtischen Bühnen Osnabrück stöckelt Birgit Sargam Zamulo als Chanel-Schickse durch den gelben Sand. Ihr hysterisch überdrehtes Dauergegreine hat längst Früchte getragen: Bishop torkelt ihr als Obeiniges Komplexbündel hinterher. Daniel Fries macht das wundervoll überzogen, mit hilflosen Glubschaugen und verzweifelt singendem Stotterkrampf.

Wird ihm der mütterliche Erwartungsdruck zuviel, flüchtet er sich in eine schönere Ersatzwelt, zu den Filmen mit Katherine Hepburn. Oder er zieht imaginär seinen widerstrebenden Vater Howard in die Szene: Gastregisseur Peter Stoytschev nimmt sich einige Freiheiten gegenüber dem Stück. In freier Natur allerdings, ohne das gestrenge, chronisch geistig abwesende Familienoberhaupt, fühlt sich Mamas Klammeräffchen bald kannibalisch wohl und mausert sich zum starken, wilden Gorilla.

Und zum großen Beschützer: Mit aggressiven "Koseworten" wie Matschbirne, Bröselhirn oder Pißnelke rückt Bishop seiner Mum den Verstand zurecht, den sie zu verlieren droht, gibt ihr die fehlende Zärtlichkeit - der Inzest nimmt seinen Lauf. Birgit Sargam Zamulo und Daniel Fries gelingen Szenen berührender Körperlichkeit, die, welch’ pervertierte Verhältnisse, richtiger, stimmiger wirken als der konventionelle Ehekrampf mit Howard. Zurück zur Natur, zur Barabarei - ist das mehr als nur reine Polemik ei-nes "jungen Wilden" wie Nicky Silver gegen eine marode, kalte Zivilisation? Gedacht gar als ein Korrektiv?

Die Insel war jedenfalls die heilere Welt. Zurück in den heimischen vier Wänden, überbrücken zwei Sitzmöbel notdürftig den gelben Sandhaufen im himmelblau glänzenden Rundum-Anstrich der schlichten Bühne von Raimund Schoop. Mit hohl tönenden Moralfloskeln und jovialer Feigheit übertüncht Thomas Hary Howards Konflikt zwischen Anstand und Egoismus. Pam hat sich ihm in der Zwischenzeit an den Hals geworfen, in ihrer quietschbunten Künstlichkeit das Gegenteil von Bishop. Mariah Friedrichs bauchfreie Barbiepuppe ist ein schrecklich-schönes Faszinosum.

Peter Stoytschev und den vier Darstellern gelingt mit geschickten Kunstgriffen und schöner Spiellust der schwierige Seiltanz zwischen boulevardesker Gesellschaftskomödie und blutrünstiger Farce. Doch fehlt manchen der klischeehaltigen Dialoge der Pep, der Farce der letzte Biß, um den fröhlichen Kulturpessimismus nicht nur im Kopf des Betrachters, sondern auch auf der Bühne zünden zu lassen. Einer ist allerdings immer überzeugend präsent: der "tierisch" gute, energiesprühende Daniel Fries, der es schafft, den Abend noch mit einer improvisierten Selbstreflexion des Theaters über das Theater abzurunden.


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