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Digitale Welten European Media Art Festival: Medienkunst als politisches Statement


Osnabrück. Terror, Nuklear-Angst und die kaum zu kalkulierenden Bewegungen der Informationsnetze: Mit politischen Themen überzeugt die Ausstellung des 26. European Media Art Festivals (EMAF) in Osnabrück. Der Trend: Medienkunst ist nicht in Technik verliebt, sondern zielt auf Themen.

Henrike Naumann wirft irritierende Blicke in das Innenleben der ZwickauerTerrorzelle. Lea Nagano macht nukleare Fukushima-Strahlung mit Video-Netzen sichtbar. Und Nástio Mosquito dreht koloniale Abhängigkeitsverhältnisse einfach um, indem er forsch verkündet: „Ich habe Europa gekauft.“ Drei Künstlerinnen und Künstler, drei Beispiele dafür, wie Medienkunst heute funktionieren kann. Das EMAF präsentiert anhand von 39 Werken von 34 internationalen Künstlerinnen und Künstlern eine Szene, die ihren Blick nicht auf mediale Welten fokussiert, sondern konsequent den Blick nach draußen sucht. Das Ergebnis: Medientechnik setzt nicht mehr allein den Trend der Medienkunst.

Der Ausstellungstitel ist genau in dieser Richtung zu zitieren. „Mapping“ meint nicht nur die Tätigkeit des Kurators, der seine Gegenwart auf Trends und Tendenzen hin absucht. „Mapping“ bezeichnet zugleich ein Projektionsverfahren, bei dem Videobilder nicht mehr auf plane Leinwände, sondern auf dreidimensionale Objekte geworfen und entsprechend angepasst werden. Das gilt für das ganze Ausstellungsprogramm. Künstlerinnen und Künstler beziehen mediale Techniken konsequent auf inhaltliche Anliegen.

Henrike Naumann liefert das Musterbeispiel für diesen Denkansatz. Sie hat für ihren Beitrag „Triangular Stories“ die mentale Welt der Zwickauer Neonazi-Terrorzelle nachgestellt. Die Zwickauerin Naumann füllt zwei Ecken einer Koje mit dem befremdlichen Wohn-Schick der Neunziger. Ibiza-Poster und ein Telefon auf der Tempelsäule, dazu aber Reichskriegsflagge und Baseballschläger: In das reale Raumensemble, das der Wohnumgebung der jungen Neonazis nachempfunden ist, stellt Naumann Bildschirme, auf denen Schauspieler die NSU-Terroristen Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe spielen. Der Trick: Naumanns Film läuft in VHS-Optik, ist aber digital bearbeitet. Die Künstlerin nutzt avancierte Technik, um einen Retro-Look zu kreieren, der die Binnenwelt der Terroristen zur beklemmenden Ausstellungsgegenwart macht – brillant.

Nicht alle Beiträge der Medienkunstschau sind derart penibel durchgearbeitet. Und dennoch punktet die EMAF-Ausstellung mit einer ganzen Reihe von Treffern. Lea Nagano zum Beispiel projiziert in eine Rotunde Bilder von einem Tokio der Wolkenkratzer und Neonreklamen. Doch kurz darauf überziehen beunruhigend vibrierende Liniennetze die glitzernde Hightech-Welt. Die Künstlerin macht mit Medientechnik sichtbar, was sich nicht spüren, sehen und schmecken lässt: die nach der Reaktorhavarie allgegenwärtige nukleare Strahlung. Japan als eine einzige Hochrisikozone: Nagano macht den Schrecken sichtbar, auch den Horror, der durch die Differenz von Informationsständen entsteht. Die Künstlerin erlebte Tsunami-Beben und Atomunglück in Tokio, informierte sich aber über deutsche und englische Medien über die Katastrophe. Japanische Medien hätten vieles verschwiegen, sagt sie.

Vorsprung durch Information? Auch das muss in digitalen Zeiten kritisch befragt werden. Nigel Johnson hat einen Wald aus beweglichen LED-Displays aufgestellt. Je nach der geografischen Herkunft der News drehen sich die Displays wie Wetterfahnen in alle Richtungen. Die Belgier Fred Penelle und Yannick Jacquet präsentieren eine Wandzeichnung als Themenpark einer unentwirrbar verdrahteten Wissenswelt, indem sie aufgeklebte Objekte und Projektionen überblenden. Und die Gruppe um den Medienprofessor Alberto de Campo hat eine Versuchsanordnung installiert, die unkalkulierbare Abläufe in Systemen simuliert. Digitale Impulse setzen Membranen in Bewegung. Die bringen Objekte in Schwingung, die wiederum auf andere Objekte treffen. Von denen laufen Impulse in die Datenwelt zurück, werden dort wieder in Impulse umgewandelt. So läuft der Kreislauf einer Mini-Welt, in der alles mit allem zusammenhängt, einer Welt, die unablässig Impuls und Bewegung erzeugt – mit unabsehbaren Folgen. Ein Modell der hochspekulativen Finanzwelt und den chaotischen Folgen ihrer Transaktionen?

Wo Datenströme fluten und Algorithmen das mediale Geschehen steuern, werden Konsequenzen und Effekte jedenfalls immer schwerer steuerbar. Die Künstlerinnen und Künstler der EMAF-Schau nutzen Medien, um genau die Probleme sichtbar zu machen, die dann unweigerlich entstehen, wenn das Zusammenleben der Menschen immer mehr zu einer Frage medialer Oberflächen wird. Einfache Auswege gibt es nicht. Unschuldig sind nur die Kinder – wie bei Bianca Patricia, die ihr Töchterchen Blanche mit einem 500-Euro-Schein spielen lässt. Das Kinderspiel ergibt eine luftig-heitere Projektion. Aber ist das nicht eine zu einfache Lösung für die Probleme der Gegenwart?

Osnabrück, Kunsthalle: Mapping Time. Ausstellung des European Media Art Festivals. Eröffnung: Mittwoch, 24. April, 19.30 Uhr. Bis 26. Mai. 25., 26., 28. April, 10–22 Uhr, 27. April, 10–24 Uhr, ab 29. April, Mi.-Fr. 11–18 Uhr, Sa, So. 10–18 Uhr. www.emaf.de


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