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50 Jahre Schaubühne Berlin: Steins „Faust“ scheiterte an der Gretchenfrage

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Bodrum. Vor 50 Jahren trat die Berliner Schaubühne mit einem neuen Konzept in die Öffentlichkeit der Theaterwelt: Nicht der allmächtige Intendant oder Regisseur leitete die Geschicke des Hauses, sondern das Theaterkollektiv. Elke Petri war von Anfang an dabei.

In den 60er-Jahren marschierte Elke Petri bei den Demonstrationen der Friedensbewegung mit. Im Schwarzen Café, dem Berliner Treffpunkt der außerparlamentarischen Opposition, hörte sie begeistert den Reden des Studentenführers Rudi Dutschke zu. 1972 holte der Regisseur Peter Stein die junge Schauspielerin an die Schaubühne in Kreuzberg. Inspiriert von der Aufbruchstimmung der 68er, wollte er dort mit Stadttheaterhierarchie, Intendantenwillkür und Klassikerroutine gründlich aufräumen.

Die Anfänge der Schaubühne gehen aber auf den 21. September 1962 zurück. Damals gründete der spätere Theaterleiter Jürgen Schitthelm gemeinsam mit anderen in einem Mehrzwecksaal der Arbeiterwohlfahrt in Kreuzberg eine freie Theatergruppe, die Schaubühne am Halleschen Ufer. Schon an der Ur-Schaubühne war ein politisch und sozial engagierter Spielplan Programm.

50 Jahre später haben die Friedensbewegten in aller Welt kapituliert. Im Schwarzen Café hängen heute die Enkel der ergrauten Revoluzzer ab. Und mit Jürgen Schitthelm wird sich im Herbst der Letzte aus der alten Mannschaft der Schaubühne aus der aktiven Theaterarbeit verabschieden. Peter Stein hatte ihr schon 1985 den Rücken gekehrt. Elke Petri verließ das Ensemble 1996. „Es war ein sehr langer und trauriger Abschied“, erinnert sie sich.

Ihre Begeisterung für die Schauspielerei hatte die heute 68-Jährige während ihrer Ausbildung zur Fotografin in Oldenburg entdeckt. Mit Stativ und Kamera war sie auch oft bei Proben und Premieren am dortigen Staatstheater dabei. Sie beschloss, die Schauspielschule in Bochum zu besuchen.

Ihr erstes Engagement nach dem Examen führte sie an das Theater in Köln. Dort spielte sie unter anderem die Rolle der Thekla in Schillers „Wallenstein“ unter der Regie von Hansgünther Heyme. Stein, der an der Schaubühne in Berlin ein festes Ensemble aufbauen wollte, wurde auf ihr Talent aufmerksam und wollte sie für sein Team gewinnen.

„Eigentlich hatte ich damals aber ganz andere Pläne“, meint Petri. Sie wollte sich ihren Traum von einem eigenen Theater in Südamerika erfüllen. „Das kann ich auch später noch machen“, habe sie sich schließlich gesagt und Steins Angebot angenommen. „So war ich in Berlin von Anfang an dabei“, sagt sie, und es klingt nicht so, als habe sie diese Entscheidung jemals bedauert.

Dafür gab es auch keinen Grund: Peter Stein brachte die Schaubühne schon in der ersten Spielzeit in eine Spitzenposition. Mit Schauspielern wie Bruno Ganz, Monika Bleibtreu, Edith Clever, Jutta Lampe, Otto Sander und Peter Fitz sowie mit den ersten Dramen des damaligen Dramaturgen Botho Strauß und den Bühnenbildern von Karl-Ernst Herrmann schrieb die Schaubühne Theatergeschichte. Stein engagierte auch großartige Regisseure, darunter Klaus Michael Grüber, Luc Bondy und Robert Wilson. Von Russland bis nach Südamerika – auch im Ausland gab das Theater zahlreiche Gastspiele.

Bei vielen Produktionen war auch Petri dabei: so bei Steins Inszenierung von Maxim Gorkis Sommergästen, einem der größten Erfolge der Schaubühne. Sie spielte auch mit, als Stein 1975 das Stück mit dem Kameramann Michael Ballhaus in einer Neubearbeitung von Botho Strauß verfilmte.

Von Anfang an musste sich das Theaterkollektiv aber auch gegen Angriffe wehren: Dabei spielte das zunächst postulierte Mitspracherecht aller künstlerischen Mitarbeiter bei Stückauswahl und Spielplanpolitik den zumeist konservativen Kritikern in die Hände: „Alle wollen alles wissen, alle entscheiden über alles, vom Klopapier bis zum Spielplan“, höhnte eine Gazette. Der CDU-Abgeordnete Rudolf Mendel sah in dem Theater gar eine „kommunistische Zelle“. Und der damalige Berliner CDU-Vorsitzende Peter Lorenz klagte, die Mitglieder des Theaters bis hin zum Bühnenarbeiter müssten sich zweimal die Woche „einer Schulung im Marxismus-Leninismus“ unterziehen. „Das ist so nicht ganz richtig“, sagt Petri und lacht, „das mussten wir nicht, das wollten wir so. Das haben wir freiwillig gemacht.“

Schnell machte auch das Wort vom Mitbestimmungstheater die Runde. „Das war doch ein Mythos. Ein Etikett, das man uns aufgedrückt hat“, ärgert sich Petri noch heute. „Natürlich haben auch wir schnell gemerkt, dass es nicht geht, wenn alle alles gemeinsam entscheiden.“ Von der ursprünglichen Idee, das bürgerliche Theater durch ein Kollektiv zu ersetzen, habe man sich deshalb auch sehr bald wieder verabschiedet.

Ohnehin sei die Frage der Mitbestimmung für das Ensemble längst nicht so wichtig gewesen, wie es in der Öffentlichkeit dargestellt worden sei. „Wir wollten vor allem das Publikum begeistern und für die alten Texte interessieren“, sagt Petri. Was bis dahin den Bildungsbürgern vorbehalten war, sollte auch anderen Zielgruppen zugänglich gemacht werden.

Das erforderte vor allem intensive Textarbeit: „Wir haben mit den Texten der Klassiker gerungen, um sie in eine Sprache zu bringen, die nicht abgehoben war“, berichtet Petri von äußerst arbeitsintensiven Treffen des Teams. Die Texte wurden sehr genau analysiert. Dabei ging es nicht nur um ihren historischen Bedeutungsgehalt, sondern auch ihren Bezug zur aktuellen Politik. Als beispielhaft dafür gilt Steins Inszenierung von Ibsens „Peer Gynt“ 1972.

„Mochten draußen die schnelle Klassikeraktualisierung und der freche Dilettantismus triumphieren: Hier wurde in die Tiefe gedacht, hier wurden auch Handwerkskünste wie das Sprechen gepflegt“, schrieb der Feuilletonist Andres Müry 1995 begeistert im „Focus“. „Unser Theater sollte vor allem ehrliches Handwerk sein“, bestätigt Petri. „Wir haben gearbeitet wie die Blöden, um uns weiterzuentwickeln.“ Sie räumt aber auch ein, dass das nicht immer gelungen sei.

1981 übersiedelte das Ensemble von der Schaubühne am Halleschen Ufer in den renovierten Mendelsohnbau aus den Zwanzigerjahren in der Lehniner Straße am Kurfürstendamm. Doch die Presse fand zuletzt immer weniger Gefallen an den Inszenierungen. Zermürbt von den Angriffen, zog sich Stein 1985 aus der Leitung der Schaubühne zurück. Einen Lebenstraum wollte er sich aber noch erfüllen: Den ganzen „Faust“ wollte er in Szene setzen. An vier Abenden, zwei Jahre lang sollte er gespielt werden. Und die Hauptrolle wollte er mit Bruno Ganz besetzen.

Doch Jürgen Schitthelm erschien das Projekt zu riskant. In der entscheidenden Versammlung stellte er dem Ensemble die Gretchenfrage: Es sollte zwischen einem Neubeginn mit der Regisseurin Andrea Breth wählen, die die Schauspieler sich als neue Leiterin ausgeguckt hatten – oder aber „Faust“. Letzteres würde die Schaubühne aber in ihrer Existenz gefährden. Der Ausgang traf Stein bis ins Mark. „Ehescheidung nach 20 Jahren“, nannte er es bitter.

Breth schiebt später in einem Interview den Schauspielern die Schuld in die Schuhe. Mit harten Worten kritisiert sie vor allem jene, die sich für die Proben an einem Theater immer weniger Zeit nahmen, weil sie bei Film- und Fernsehproduktionen wesentlich mehr Geld verdienten. „Das Problem war, dass sich die Schauspieler nicht ganz ehrlich verhielten“, so Breth. „Sie hatten zwar Ja gesagt, wollten aber doch nicht zwei Jahre lang ausschließlich diesen ,Faust‘ machen. So gab es eine Wackelei, und am Ende haben sie sich gegen ,Faust‘ und für mich entschieden. Das hat Stein mir angelastet, und zwar außerordentlich vehement, bis zum heutigen Tag“, beklagt sie ihr Schicksal.

Das sieht Petri ganz anders: „Wir haben Andrea Breth unterstützt. Sie aber hat ihre Position genutzt, um das Ensemble am Ende aufzulösen.“ Die Häutung, die Breth in die Wege geleitet habe, habe nur dem Ausbau der eigenen Machtposition gedient, nicht der Qualität des Theaters. „Während Stein immer viele kontrastreiche Elemente zusammengehalten hat, hat Breth so lange polarisiert, bis alles auseinanderbrach“, sagt Petri. Aber auch die Rolle der Schauspieler sieht sie heute kritisch: „Wir waren damals einfach zu naiv. Ein leichtes Opfer für Andrea Breth.“

1997 war auch für Breth die Zeit an der Schaubühne vorbei. Seit 1999 ist sie Hausregisseurin am Burgtheater Wien. Wegen ihrer manischen Depression war sie mehrfach zur Absage von Inszenierungen gezwungen.

Peter Stein erfüllte sich seinen Traum, den kompletten Faust zu inszenieren, einige Jahre später auf der Expo 2000 in Hannover: Das Ensemble bestand aus 35 Schauspielern, darunter waren auch Bruno Ganz als Faust und Elke Petri als Marthe Schwerdtlein. Petris Wunsch nach einem eigenen Theater in Südamerika ging zwar nicht in Erfüllung, doch führt sie seit 1995 auch Regie.

Mit dem nach ihren Worten „genialen Theaterleiter Stein“ ist die Schauspielerin noch heute befreundet. Und manchmal kommt er nach Bodrum an der türkischen Ägäisküste, das neben Berlin Petris zweite Heimat ist. Dann ist Stein ihr Sommergast.


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