Vor 300 Jahren geboren Was ist die Wahrheit des "Lügenbarons" von Münchhausen?

Die berühmteste Geschichte des "Lügenbarons": Münchhausen, gespielt von Jans Josef Liefers, reitet auf der Kanonenkugel. Die TV-Version der Münchhausen-Abenteuer wurde 2012 ausgestrahlt. © ARD/SWR/Stephanie Kulbach/MontageDie berühmteste Geschichte des "Lügenbarons": Münchhausen, gespielt von Jans Josef Liefers, reitet auf der Kanonenkugel. Die TV-Version der Münchhausen-Abenteuer wurde 2012 ausgestrahlt. © ARD/SWR/Stephanie Kulbach/Montage
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Bodenwerder. Nicht nur sein Ritt auf der Kanonenkugel machte ihn weltberühmt: Der Freiherr von Münchhausen ist der "Lügenbaron". Aber hat der Adlige, der keine seiner Geschichten selbst aufgeschrieben hat, deshalb gelogen? Nein, denn es gibt auch die Wahrheit des "Lügenbarons". Ein Besuch in seiner Geburtsstadt Bodenwerder.

Wer Münchhausen heißt, dem glaubt man nicht. Anna ist erst elf Jahre alt, als sie das schmerzhaft erfahren muss. Für ein Herbarium soll die Schülerin Heilpflanzen sammeln. Als die Zeit bis zur Abgabe knapp wird, kommen ihr dabei auch ein paar Giftpflanzen unter. Der Biologielehrer ist empört: „Da hat uns unsere Lügenbaronesse ja etwas Schönes aufgetischt“, lässt er das Mädchen vor der Klasse an. Heute erzählt Anna von Münchhausen die Anekdote aus ihrem Leben mit einem nachsichtigen Lächeln und sagt: „Mit dem Namen steht man unter Generalverdacht“. Nach einem Berufsleben als Journalistin, zuletzt bei der Wochenzeitung „Die Zeit“, hat sie jetzt ein Buch über ihren berühmten Vorfahren, den Freiherrn von Münchhausen, publiziert. Der Titel scheint unvermeidlich: „Der Lügenbaron“. Dabei steht für Anna von Münchhausen fest: „Münchhausen hat nicht gelogen, nicht getäuscht, er war ein Fabulierer, der die Leute unterhalten wollte.“

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Der Hauptdarsteller Hans Albers reitet als Lügenbaron «Münchhausen» in einer Szene des gleichnamigen Films auf einer Kanonenkugel durch die Lüfte (Aufnahme von 1943). Foto: dpa

Ein Geschmack von Fake News?

Aber ist es nicht reichlich dick aufgetragen, ja klingt es geradezu nach Fake News, wenn jemand behauptet, auf einer Kanonenkugel geritten und auf der Bohnenranke zum Mond geklettert zu sein, sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf gezogen zu haben – und sein Pferd noch dazu? Diese und andere Geschichten finden sich in einem Buch, dessen Titel so gewunden klingt wie die Märchen, die uns der „Lügenbaron“ aufgetischt hat: „Wunderbare Reisen zu Wasser und zu Lande des Freiherrn von Münchhausen. Feldzüge und lustige Abenteuer, wie er dieselben bei der Flasche im Zirkel seiner Freunde selbst zu erzählen pflegt“. 1786 bringt der Dichter Gottfried August Bürger die Sammlung der Abenteuer heraus. Der im Titel genannte Freiherr ist nicht amüsiert. Schnell hat er den Namen „Lügenbaron“ weg. In einem Scheidungsprozess muss er sich zu Lebzeiten noch selbst so nennen lassen. Literarischer Ruhm – für ihn eine fatale Sache. „Er ist mit seiner literarischen Figur eins geworden“, findet Anna von Münchhausen.


"Er hat tatsächlich gelebt"

„Ich kann das Wort vom Lügenbaron nicht mehr hören. Das ist ein diskrimierender Begriff“, hält indessen Claudia Erler dagegen und stellt fest: „Münchhausen war ein Mensch, der tatsächlich gelebt hat.“ Hätte Karl Friedrich Hieronymus Freiherr von Münchhausen, so sein vollständiger Name, sonst sein eigenes Museum? Es steht in seinem Geburtsort Bodenwerder, einem hübsch verschlafenen Fachwerkstädtchen im Weserbergland, sechzig Kilometer südlich von Hannover. Claudia Erler öffnet mit einladendem Lächeln die Tür. Und beginnt sofort zu erzählen. Von Münchhausens Gutshof, der heute das Rathaus Bodenwerders ist, von dem Museum, das seit 2003 in genau jenem Gebäude untergebracht ist, in dem der Freiherr einst Vorräte lagern ließ. Erler öffnet das Haus zum 300. Geburtstag Münchhausens am 11. Mai neu und breitet Erinnerungsstücke voll nostalgischem Charme aus. Säbel und Pistole, dazu Porzellan und Meerschaumpfeife: Ist der Freiherr nur kurz zur Tür hinaus, um im nächsten Moment wiederzukehren? In einer Vitrine steht aufgeschlagen die „Gründliche Geschlechts-Historie des Hochadlichen Hauses der von Münchhausen“, ein Wälzer von 1740, der uns sagen soll: Es hat ihn wirklich gegeben, den Fabulierer Münchhausen, hier steht es schwarz auf weiß.

Stefan Lüddemann
Eine Ausgabe der Münchhausen-Geschichten von 1849 ist im Münchhausen-Museum in Bodenwerder zu sehen. Der Dichter Gottfried August Bürger hat seine Sammlung der Geschichten zuerst 1786 veröffentlicht. Foto: Stefan Lüddemann

Gemälde aus der NS-Zeit

Der kleine Schwachpunkt in diesem Hotspot des Jubiläumskultes um Münchhausen: Kaum eines der Exponate stammt wirklich aus seinem Besitz. Sosehr der Zauber des Ortes auch wirken mag – das Museum zeigt nur einen eher unwichtigen Brief, der wirklich von Münchhausens Hand stammt. Andere Stücke kommen aus seiner Epoche, haben aber nicht zu seinem Leben gehört. Ist das also ein Museum, das ganz zum berühmtesten Aufschneider aller Zeiten passt? Claudia Erler verweist auf das Dilemma ihrer Präsentation: Was an Originalen aus Münchhausens Leben überliefert ist, befindet sich weiter im Familienbesitz seiner Nachfahren, die zu dem Museum nach Erlers Worten eher Distanz halten. Dafür findet sich im Haus ein Exponat, das befremdet: ein Gemälde von 1943 mit blondem Mädchen und Bodenwerder-Panorama. Wie passt der Heimatkitsch aus der NS-Zeit zu Münchhausen?

Stefan Lüddemann
Das Münchhausen-Museum in Bodenwerder ist im ehemaligen Vorratsgebäude des Gutes des Freiherrn von Münchhausen untergebracht. Foto: Stefan Lüddemann

Hans Albers war Münchhausen

Dabei entstand im gleichen Jahr, in dem der Maler namens G. Hiller das Bodenwerder-Bild malt, jener Film, der das Bild Münchhausens für das große Publikum tief geprägt hat. Ausgerechnet der von den Nationalsozialisten verfemte Erich Kästner verfasst unter Pseudonym das Drehbuch. Publikumsliebling Hans Albers reitet in dem Streifen als Münchhausen auf der Kanonenkugel und lüftet keck den Dreispitz. Der Krieg, ein verrücktes Kinderspiel? Mitten im Zweiten Weltkrieg ist der Streifen ein Renommierstück der Propaganda, und ein Börries von Münchhausen, entfernter Nachfahr des „Lügenbarons“, dichtet für die Nazis. Wäre nicht gerade der „Lügenbaron“ viel zu aufrichtig gewesen für solche Irrtümer und Verdrehungen? Ein Heros, ein früher Superheld gar, war er jedenfalls nicht. „Er saß nicht in einem prächtigen Schloss, wie es in dem Film zu sehen ist, sondern nur in einem kleinen Gutshaus“, rückt Anna von Münchhausen die Verhältnisse gerade. Und Claudia Erler verweist darauf, dass der selbst ernannte Abenteurer zwar in Kriege des 18. Jahrhunderts zog, in Wirklichkeit aber kaum an Kämpfen teilgenommen hat.

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Die Schauspielerin Annette Frier posiert 2015 in Bodenwerder (Niedersachsen) mit dem Münchhausen-Darsteller von Bodenwerder, Adolf Hahn, nachdem sie den Münchhausenpreis des Ortes erhalten hatte. Foto: Thorsten Sienk/dpa

Nicht unbedingt der Superheld

„Münchhausen ist nicht der Superheld. In allen seinen Abenteuern hat er Angst“, weist Museumsleiterin Erler auf einen wichtigen Punkt hin. Münchhausen rettet nicht die Welt, sondern nur sich. Aber darin steckt ein Appell: Mit Initiative und Geistesgegenwart sind Probleme lösbar. Das sagen uns Münchhausens Geschichten, bis heute. Der Adlige, der mit gerade einmal 17 Jahren nach Russland ging, am Zarenhof zum Offizier aufstieg und 1750 mit 30 wieder zurückkehrte, um als einfacher Gutsherr in Bodenwerder zu leben, hat seine Zeit ebenso kritisch gesehen wie jene Autoren, die seine Geschichten aufschrieben. Er schießt auf den Kirchturm, um sein Pferd loszumachen, das hoch oben am Wetterhahn festhängt. Drastische Kritik an der Kirche? Und seine Pirouetten, die er mit seinem Pferd auf der höfischen Kaffeetafel dreht – eine Satire auf das Hofzeremoniell der Maria Theresia? Anna von Münchhausen und Claudia Erler sehen gerade in Münchhausens Lügengeschichten die tiefere Wahrheit einer Zeitkritik im Zeichen der Aufklärung. Zur Wahrheit der Geschichten gehört auch ihre Verwobenheit mit literarischen Vorbildern wie Jonathan Swifts "Gullivers Reisen" un den Lügengeschichten des spätantiken Autors Lukian. Gottfried August Bürger und andere Autoren haben Münchhausens Erzählungen mit literarischen Motiven verbunden, deren Tradition bis in die Antike zurückreicht. Liegt darin nicht auch ein Grund für ihren durchschlagenden Erfolg?

Stefan Lüddemann
Zur Ausstellung im Münchhausen-Museum gehört auch dieses Drehbuch zu dem Münchhausen-Film, der 1943 mit Hans Albers in der Titelrolle entstand. Foto: Stefan Lüddemann

Mitten in der Krisenzeit

Zum Zeitgenossen darf der Freiherr von Münchhausen aber nicht stilisiert werden. Er war ein Mann seiner eigenen Krisenzeit, ein Mann, der mit drastischen Übertreibungen eigener Abenteuer auf jenen Bedeutungsverlust reagierte, den sein Stand am Vorabend der Französischen Revolution hinzunehmen hatte. „Ohne seine Geschichten würden wir heute nichts mehr von ihm wissen“, ist sich Anna von Münchhausen sicher. Ihr Vorfahr erzählte in der „Grotte“, einem einfachen Pavillon am Waldhang, beim Punsch seine Geschichten, die davon handeln, wie einer aus dem Winkel im Weserbergland in die weite Welt aufbricht und buchstäblich überall hinkommt, auch auf den Mond und alle Meere. Münchhausen träumt den Traum des Menschen, mit dem Kosmos das ganze Leben zu umarmen. Das macht ihn eigentlich unsterblich. Seine Geschichten sind ein unbändiger Spaß und in Dutzende Sprachen übersetzt. Alle kennen sie. Sogar Biologielehrer, die sich über das Herbarium einer Schülerin aufregen.

Aktuelle Bücher über den Freiherrn von Münchhausen:

Anna von Münchhausen: Der Lügenbaron. Mein phantastischer Vorfahr und ich. Kindler Verlag. 128 Seiten. 15 Euro. Zur Verlagsinformation über das Buch geht es hier

Tina Breckwoldt: Die ganze Wahrheit über Münchhausen und Co. Benevento Verlag. 288 Seiten. 24 Euro. Zur Verlagsinformation über das Buch geht es hier


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