Thema „Total real“ eingelöst Das Reale bei den Osnabrücker „Spieltrieben“

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Eine Personaltrainerin am Ende: Dennis Pörtner und Andrea Casabianchi in Johannes Schrettles „Die Kunden werden unruhig. Foto: Uwe LewandowksiEine Personaltrainerin am Ende: Dennis Pörtner und Andrea Casabianchi in Johannes Schrettles „Die Kunden werden unruhig. Foto: Uwe Lewandowksi

Osnabrück. Großer Wurf: Das Osnabrücker Theater beeindruckte mit einem glänzend konzipierten „Spieltriebe“-Festival“ zum Thema „Total real“. Es ermöglichte Blickwinkel auf unsere Wirklichkeit fernab von Theaterroutine.

Das Theater ringt in letzter Zeit um die Realität wie um eine widerspenstige Angebetete. Denn es vermag Realität kaum selbst zu schaffen, sondern muss meist vorhandene Tatsachen bearbeiten. Ist Bühnenkunst dazu verdammt, unserer sich rasant verändernden Wirklichkeit hoffnungslos hinterherzuhinken? Oder hat sie mittlerweile Mittel und Weg gefunden, neuen und auch alten Realitäten so nah zu kommen, dass sie sich aus ihrer ewigen Zuschauerrolle hinterm roten Samtvorhang befreien und ein Wörtchen mitreden kann?

Solche Fragen legte das Festival „Spieltriebe“ am Theater Osnabrück nahe, das dieses Jahr das Thema „Total real“ ins Visier genommen hatte. Ein ehrgeiziges Unterfangen, mit dem Intendant Ralf Waldschmidt und seine Crew zum zweiten Mal ein virulentes inhaltliches Thema setzten, nachdem Waldschmidt-Vorgänger Holger Schultze schon mit seiner Festival-Neuschöpfung aus Uraufführungen und vor allem Zweitaufführungen überregionale Aufmerksamkeit errungen hatte. Waldschmidts erster so kluger wie facettenreicher „Spieltriebe“-Wurf vor zwei Jahren zum Thema Krieg und Frieden legte dieses Mal die Messlatte hoch.

Raus aus dem Theater und seinem gewohnten Ambiente rein in neue, zum Teil völlig unbekannte Spielstätten: Dieses Frischluft-Konzept beherzigen längst viele Bühnen. Doch wenn Themen und Aussagen der Stücke und Spielorte in ihrer heutigen oder einstigen Funktion derart eng und durchdacht miteinander verzahnt werden wie bei diesen „Spieltrieben“, dann ermöglicht Theater Einblicke in laufende Produktionsprozesse von Realität, bevor sie abgeschlossen und nur aus der Rückschau heraus kommentierbar sind.

Bestes Beispiel dafür: die Hellmann-Route zwei, die ins Betriebsgelände der international agierenden Osnabrücker Spedition führte. Draußen, auf dem riesigen Betriebshof, schwärmten im Sekundentakt Lastwagen wie fleißige Arbeitsbienen aus, drinnen fühlte das Live-Hörspiel „Club d’Europe“ dem Europa unserer Gegenwart den Puls.

Nicht ganz in Topform ist die Dame Europa, so der Befund. Drohende Überalterung ihrer Bewohner, gnadenlose Übergriffe der internationalen Wirtschaft auf ihre demokratischen Freiheitsrechte: Die Nennung von Quellen im Internet belegte, wie gut informiert Theater den Zustand unserer Welt mitbestimmen will.

Welch toleranter, demokratischer Zug der Firma Hellmann, Kritik an jüngsten Entwicklungen in der Arbeitswelt zuzulassen. Denn nichts anderes tut Johannes Schrettles Stück „Die Kunden werden unruhig“. Modernste Coaching-Methoden zur Optimierung der Arbeitsmoral augenzwinkernd als raffinierten Trick zur persönlichen Bereicherung von Führungskräften darzustellen, während draußen vor der Lagerhalle ein topmodernes Unternehmen hörbar brummt, gibt den Abstand zwischen Kunst und Realität schon fast auf. Aber nur fast, weil sich Waldschmidts Theater konsequent enthält, konkrete Anschuldigungen auszusprechen.

Vieles bleibt der individuellen Assoziationskraft der Zuschauer überlassen. Doch durch den jeweiligen Raum und seine Aussagen, etwa ein Treppenhaus in der hypermodern konzipierten Hellmann-Verwaltung, werden die Assoziationen durchaus gelenkt: Individuelle Körperbewegung und deren rasterhafte Normierung durch das Großraumbüro drängen sich im Tanzstück „Morphings“ als Bild auf.

Durch ein realistisches Relikt wie das unrenovierte Gebäude von Gut Leye wird der Erinnerung von älteren Festival-Besuchern auf die Sprünge geholfen. Abblätternde Wandfarbe, Brandflecken noch aus dem Zweiten Weltkrieg sowie ein Bühnenbild, das den kargen Möblierungsstil dieser Zeit dokumentiert, zoomt die Nöte des Jungen Clemens im Kriegswirrenstück „Mensch Karnickel“ von Rudolf Herfurtner an uns heran.

Der große Bunker in der Redlingerstraße seine engen Räume, beglaubigt zwar gleichfalls Alexander Kluges „Die Götterdämmerung in Wien“ atmosphärisch ideal. Doch problematisch wird es, wenn der Inhalt kaum nachvollziehbar ist. Weil aus Platzgründen die Sicht verstellt ist.

Auch davon wimmelt es in der Welt: Ängste und Phobien, die den Blick auf die Wirklichkeit verstellen, wie in David Gieselmanns Komödie „Die Phobiker“. Doch begibt sich Theater damit nicht auf sein herkömmliches Terrain, das Spannungs- und Interpretationsfeld zwischen Person und Welt? Dann war es schon immer „total real“. Eindeutige Abgrenzungen sind da wohl noch zu finden.


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