2017: Venedig, Kassel, Münster Biennale, Documenta, Projekte: Großformate der Kunst

Von Dr. Stefan Lüddemann | 01.04.2017, 08:00 Uhr

Biennale, Documenta, Skulptur-Projekte: Drei Großformate machen 2017 zum Superjahr der Kunst. Als Erlebnis, Erfahrung und These zur Zeit faszinieren sie ein Millionenpublikum.

Noch einmal schlafen? Nein, Kunstfreunde warten geschlagene zehn Jahre auf das große Datum. Dann vereinigen sie sich wieder zur magischen Trias, die Weltformate der zeitgenössischen Kunst. Die Biennale von Venedig, die Kasseler Documenta und die Skulptur-Projekte in Münster vernetzen sich 2017 zu einer großen Ausstellungslandschaft. Sie markieren Schauplätze, takten den Ereigniskalender. Die großen Drei wecken Erwartungen eines Millionenpublikums. Sie formatieren die Wahrnehmung von Kunst, ja ganze Lesarten von Kultur und Zeitgeist. Biennale, Documenta, Skulptur-Projekte: Das sind Ausstellungen, aber vor allem Sondierungen von Zeitstimmungen und Mentalitätslagen. Hier weiterlesen: Wie die Skulptur-Projekte in Münster entstehen - ein Besuch in der Werkstatt. 

Statements zur Zeit

Große Kunstformate haben mehr zu sein als bloße Versammlungen von Kunstwerken. Eigens bestellte Kuratoren inszenieren Kunst und erzählen zugleich eine Geschichte. Ihre Präsentationen haben faszinierende Erfahrungen zu eröffnen und zugleich als schlüssige Statements zur Zeit zu überzeugen. Das Kulturpublikum der Erlebnisgesellschaft orientiert seine Wahrnehmung ohnehin an Großereignissen. Die drei Ausstellungslegenden sind nicht einfach nur groß. Sie haben vor allem Orte markiert und Traditionen ausgebildet. Und sie expandieren in die öffentlichen Räume. Sogar weltweit. Hier weiterlesen: So funktioniert moderne Kunst: Kunst und ihre Orte. 

Grande Dame und Global Player

Dabei scheinen die Rollen klar verteilt. Die seit 1895 alle zwei Jahre veranstaltete Biennale ist die Grande Dame unter den Ausstellungen, so alt und ehrwürdig wie Venedig selbst. Die 1955 im damals noch kriegszerstörten Kassel gestartete Documenta, die am 8. April 2017 in Athen eröffnet wird, gilt längst als Global Player der Kunst. Und seit 1977 führen die Skulptur-Projekte in Münster vor, wie vermeintlich sperrige Gegenwartskunst ihren Weg in die Mitte der Gesellschaft gefunden hat. Alle drei Formate haben Konflikte provoziert, Debatten ausgelöst und sind genau daran gewachsen. Vor allem die Präsentationen in Kassel und Münster erfinden sich mit jeder Ausgabe neu. Dagegen wirkt die Biennale mit ihrem System der Länderpavillons fast schon veraltet. Hier weiterlesen: Weltberühmtes Kunstformat - was sind eigentlich die „Skulptur-Projekte“? 

Plattformen für das Publikum

Gleichviel. Alle drei Ausstellungen funktionieren wie große Plattformen, die Kunst und Publikum, Themen und Diskurse vernetzen. Alle drei Ausstellungen haben die Kunst nicht einfach vorangebracht, sie haben die Kunst als prägendes Kulturphänomen der Gegenwart mit geschaffen. Gerade die alle fünf Jahre ausgerichtete Documenta und die gar nur alle zehn Jahre gestalteten Skulptur-Projekte funktionieren als Taktgeber in der Entwicklung der Kunst. Wer auf ihre Ausgaben schaut, blättert im imaginären Kompendium der Kunst eines Jahrhunderts - und schaut zugleich das große Kino der Konjunkturen des Zeitgeistes. Hier weiterlesen: Kunst schreibt die Agenda der Gegenwart. 

Motor des Marketings

Wundert es da noch, dass Großausstellungen auch längst als Treiber des Stadtmarketings und Motor des Kulturtourismus fest eingeplant sind? Natürlich nicht. Aber Biennale, Documenta und Skulptur-Projekte bewegen vor allem als Faszinationstheater, Sinngeber, Zeitgeistschaufenster. Die großen Ausstellungsformate haben die Städte, in denen sie ausgerichtet werden, neu geprägt, sie neu zu Destinationen gemacht. 2017 ist es wieder so weit: Venedig, Kassel und Münster laden ein. Millionen werden voller Erwartung reisen - in diesem Superjahr der Kunst. Hier weiterlesen: Von der Klassik zur Krise? So wird die Documenta 14.