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Gruselkammer „Ein Sumpf des Verbrechens“: Jurist analysierte die Straftatbestände in den Märchen der Gebrüder Grimm

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Osnabrück. Kriminalität und Unterhaltung liegt nah beieinander, findet Jörg-Michael Günther. Der Jurist und Autor des Buches „Der Fall Rotkäppchen“ bezeichnet die weltberühmte Märchensammlung von Jakob und Wilhelm Grimm als „Gruselkammer“.

Herr Dr. Günther, geht es in den Grimm’schen Märchen, juristisch gesehen, besonders schlimm zu?

Oh ja. Viele der Märchen sind durchsetzt von zahlreichen Straftaten. Wenn die Grimm’schen Geschichten heute so in der Realität passieren würden, müsste man sofort die Polizei und den Staatsanwalt einschalten. Man kann bei den Märchen auch an das Gesetz gegen jugendgefährdende Schriften denken.

 

Das müssen Sie erklären.

Wenn man die Märchen betrachtet, kann ich aus juristischer Sicht schon verstehen, dass manche Kinderpsychologen einen Groll gegen die Geschichten hegen. Es geht schließlich um boshafte Hexen, gewissenlose Eltern, erpresserische Könige, mordsüchtige Schwiegermütter und brutale Zwerge – jeweils garniert durch abgehackte Köpfe, verbrannte Füße, vergiftete Äpfel. Das ist doch in der Tat eine erschreckende Lektüre für Kinder. Gleichzeitig sind die Märcheninhalte aber auch eine Möglichkeit, über das Strafrecht und die Grenzen von Recht und Unrecht zu informieren. Genau darum habe ich mich – ich gebe zu, auch mit einem gewissen Augenzwinkern – immer bemüht.

 

Aber sind die Straftaten nicht auch gerade das, was die Märchen so faszinierend macht?

Kriminalität und Unterhaltung liegen in der Tat oft dicht beieinander. Das werden sich die Gebrüder Grimm schon vor 200 Jahren gedacht haben. Wahrscheinlich sind die Kinder- und Hausmärchen wohl auch deshalb das meistverbreitete Buch der Welt in deutscher Sprache.

Besonders umstritten ist „Hänsel und Gretel“. Einige Forscher gehen davon aus, dass in der Geschichte eigentlich die Hexe das Opfer ist. Was glauben Sie?

Das Spannende im Märchen wie auch im Strafprozess ist der Umstand, dass es nicht so einfach ist, die Wahrheit herauszubekommen. Als Jurist muss ich den Sachverhalt so nehmen, wie er von den Gebrüdern Grimm aufgeschrieben wurde. Danach bin ich der Auffassung, dass Hänsel und Gretel bei der Tötung der Hexe in Notwehr gehandelt haben, als sie diese in den Backofen stießen, um nicht selbst von der Hexe ermordet zu werden. Im Rahmen eines von mir veranstalteten „Gerichtsprozesses“ zum Fall Hänsel und Gretel bei der diesjährigen Kölner Kinder-Uni gab es aber bei den Kinder-Studenten durchaus auch andere Meinungen. Das ist in der Wissenschaft normal und machte den Kölner Prozess bis zum endgültigen Urteil sehr spannend.

Welche alternative Meinung wurde denn zum Tod der Hexe vertreten?

Einige Kinder waren der Ansicht, dass Hänsel und Gretel überzogen gehandelt haben und dass sie die Hexe auch anders hätten außer Gefecht setzen können, ohne sie gleich im Feuer zu töten. Am Schluss kam das Gericht der Kinder-Uni trotzdem zum Freispruch der beiden Kinder vom Vorwurf des Totschlags. Ein Überschreiten der Notwehrgrenzen „aus Verwirrung, Furcht oder Schrecken“ wird nach dem Strafgesetz nämlich nicht bestraft (§ 33 Strafgesetzbuch). Schon ein Rechtssprichwort aus der Zeit der Gebrüder Grimm lautete: Notschlag ist kein Totschlag!

 

Wie haben die Kinder auf die vielen Straftaten reagiert, die Sie ihnen geschildert haben?

Kinder fühlen sich sehr stark in die Märchen ein und die Geschichten üben natürlich auch - unter dem Gesichtspunkt der Straftaten - die Faszination des Bösen aus. Insofern war es dann auch ganz spannend, wie Kinder dann plötzlich zu Juristen werden. Die 11 jährige „Strafverteidigerin“ des Vaters von Hänsel und Gretel versuchte z.B. das Gericht davon zu überzeugen, dass der wegen Kindesaussetzung und versuchten Totschlags angeklagte Vater von Hänsel und Gretel einfach schuldunfähig gewesen sein muss, weil er völlig ausgehungert war und unter dem Druck seiner Frau gehandelt habe. So kann man sehen, wie Kinder sich in die verschiedenen Märchen-Figuren einleben und dann sogar Argumente von durchaus hoher juristischer Schlagkraft vortragen. Das war wirklich spannend und gleichzeitig beeindruckend. Das Gericht hat zu dem Punkt lange beraten.

 

Welches ist Ihr Lieblingsmärchen?

Ich finde das Märchen über Aschenputtel besonders interessant und ergreifend, weil jemand aus völlig zerrütteten Familienverhältnissen gegen alle Widerstände und Widersacher seinen Weg macht. Generell sind Märchen spannend, weil sie tiefe psychologische Abgründe haben. Juristen, insbesondere Strafjuristen, müssen sich oft auch mit der Psychologie von Tätern und Opfern befassen, sodass es da viele Berührungspunkte gibt. Als Jurist findet man es bei Aschenputtel natürlich gut, dass am Schluss das Gute siegt und die besonders bösen Schwestern bestraft werden.

 

Glauben Sie, dass Märchen zu Straftaten anstiften?

Nein. Traditionelle Märchen – und besonders diejenigen der Gebrüder Grimm – schärfen eher das Rechtsbewusstsein.

 

Sie haben die Märchenfiguren in Ihrem Buch als ambivalent entlarvt. Fast jede, auch die vermeintlichen Guten, begehen Straftaten oder handeln moralisch fragwürdig. Gibt es für Sie noch sympathische Figuren?

Mir fällt natürlich dazu sofort mein Lieblingsmärchen vom Aschenputtel ein. Das arme Aschenputtel wendet sich unbeirrbar und ohne aufzugeben gegen das Unrecht. Das hat eine gewisse Vorbild-Wirkung. Die innere und äußere Haltung des armen Opfers, das zur Zwangsarbeit genötigt wird, unter Beleidigungen leidet und bestohlen wird, ist beeindruckend. Aufgrund ihrer Haltung ist sie für mich eine schöne Märchenfigur und eine der wenigen, die sich moralisch und rechtlich immer richtig verhält. Ein märchenhafter Idealtypus.

 

Haben Sie mit so vielen Straftaten gerechnet, als Sie angefangen haben, die Grimm’schen Märchen zu analysieren?

Ich war ja schon durch meine strafrechtlichen Untersuchungen zu „Struwwelpeter“ und „Max und Moritz“ vorgewarnt. Aber generell ist die Grimm’sche Gruselkammer schon ein wahrer Sumpf des Verbrechens, und den wollte ich durch mein Gutachten trockenlegen. Gleichzeitig sehe ich Märchen als einen sehr guten Lehrstoff für die Befassung mit dem Strafrecht. Diese Sichtweise hätte sicher auch den Gebrüdern Grimm gefallen, als sie in Marburg Jura studierten.

 

Hand aufs Herz – Sie haben zwei Töchter. Haben Sie den beiden, trotz des strafrechtlichen Inhalts, die Grimm’schen Märchen vorgelesen?

Eine einfache Antwort. Ja, mit großem Vergnügen, allerdings manchmal in etwas entschärfter Form. Die Grimm’schen Märchen sind einfach großartig und zeitlos.

 

Günther, Jörg-Michael: Der Fall Rotkäppchen – Juristisches Gutachten über die Umtriebe der sittenlosen Helden der Brüder Grimm zur Warnung für Eltern und Pädagogen, erschienen im Eichborn Verlag 1990, 170 Seiten.


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