Neues Buch "Mädchenleben" Martin Walsers neue Erzählung über eine Gottessucherin

Der Schriftsteller Martin Walser hat mit der Erzählung "Mädchenleben" ein neues Buch über eine Heilige veröffentlicht. Foto: dpaDer Schriftsteller Martin Walser hat mit der Erzählung "Mädchenleben" ein neues Buch über eine Heilige veröffentlicht. Foto: dpa

Osnabrück. Was ist mit Martin Walser los? Seit Jahren befremdet er mit seltsamen Geschichten von Gottessuchern. Die Erlösungssehnsucht nimmt überhand in diesem wichtigen literarischen Werk. Jetzt kommt auch noch eine Heiligenlegende. Aber "Mädchenleben" fasziniert - weil es an eine 16Jährige erinnert, die niemandem kalt lässt.

Wundern über Walser: Spätestens seit dem Jesus-Roman „Muttersohn“ (2011) gehört das für Leser zur Routine. Mit Geschichten zwischen Gutmensch und Gotteskitsch spaltete der Autor vom Bodensee zuletzt das Publikum. Jetzt dürfen wir uns wieder quälen. „Mädchenleben“ heißt das schmale Buch, das Martin Walser als Heiligenlegende verstanden wissen will. Was für ein Ansinnen. Die Handlung dieser Geschichte ist wirklich abstrus. Ihre Hauptfigur aber, das Mädchen Sirte, das bekommen wir so schnell nicht mehr aus dem Sinn.  Hier weiterlesen: Romane über Antihelden - Martin Walser wird 90.

Radikale Verweigerung

Sirte hört auf den Nachnamen Zürn. Und sie ist erzürnt, leise und auf ihre Art. Die Zürns kennen wir aus Walser-Bestsellern wie „Das Schwanenhaus“ (1980). Jetzt taucht Ludwig Zürn auf, der seine Frau schlägt und vergewaltigt. Überhaupt ist die Welt in dieser kleinen Geschichte aus den Fugen. Ein Vater, der schlägt, Ärzte, die eigensinnige Kinder mit Tabletten sedieren, ein Metzger, der Schweine schlachtet, während sein Sohn sanfte Klänge von Frédéric Chopin klimpert: Sirte reagiert auf so derben Widersinn mit radikaler Verweigerung, ja Aggression. „Nicht zu vergessen ihre Zerstörungswut. Mit Hingebung zerstörte sie, bis man bei ihr war und ihr die Hände festhielt. Dann war sie ruhig, gelöst, freundlich, atmete wieder.“

Sie passt in kein Raster

Ist sie nun 14 oder doch erst 13, wie ihre Schwester Karla meint? Gleichviel. Sirte passt in kein Raster, sie erstaunt die Welt mit ihren skurrilen Einfällen, entnervt ihre Eltern mit ihrer Verweigerung – und entzückt ihren Lehrer, der auf den sprechenden Namen Anton Schweiger hört. Dieser Schweiger, Martin Walsers nächster liebender Mann, ist es denn auch, der Sirte so verfallen ist, dass er ihre Heiligsprechung betreiben will. Ein absurdes Ansinnen, das allerdings einem wirklich erstaunlichen Mädchen gilt. Hier weiterlesen: Martin Walser - diese Romane sollte man kennen.

Buch aus Notizen

Martin Walsers schmale Erzählung besteht aus Notizen, die seit Jahrzehnten unpubliziert geblieben sind. Das merkt man dem Text auch an. Er besteht aus mehr schlecht als recht miteinander verfugten Kapiteln, die eine Geschichte mit unglaublichen Wendungen und einem befremdlichen Ende erzählen. Walser lässt seinen Text gar in kurzen Notizen seiner vergötterten Heiligen auslaufen. „Ich bin ein Fleck, der trocknet“, heißt es ganz zum Schluss. Ein Mädchen, das, noch nicht Frau geworden, am liebsten gleich wieder verschwinden möchte?

Für die Dritte Welt

Sirte löst Befremden aus. Und nimmt gerade damit für sich ein. Die 13-Jährige liest Dostojewski, spendet ihr Geld für die Dritte Welt. Beruhigungspillen, die der Arzt verschrieben hat, nimmt sie nicht. Sie will „vollkommen leise“ sein. In ihrer Stille liegt eine Rigidität, die an die Klimaschutzaktivistin Greta Thunberg erinnert oder an das Mädchen Bernadette aus dem im September angelaufenen Kinofilm „Systemsprenger“. Sirte ist eine solche Systemsprengerin, ein Mädchen leisen, aber vehementen Protests.

Traurige Pippie Langstrumpf

In ihrer Sympathie für den Orden der Franziskanerinnen liegt die Abkehr von einer Welt der Erwachsenen, die sie als lebensfeindlich wahrnimmt – und das nicht nur, weil die Eltern zunächst planten, Sirte abzutreiben. Dieses Mädchen wirkt wie die melancholische Variante von Pippie Langstrumpf: alternativ, aber freudlos. Ja, Walsers Heiligsprecherei nervt, sie lässt künstlerisches Unterscheidungsvermögen vermissen. Aber mit der Figur der Sirte gelingt ihm dennoch eine kleine Sensation. Verblüffend.

Martin Walser: Mädchenleben oder die Heiligsprechung. Legende. Rowohlt. 96 Seiten. 19,99 Euro. Zur Verlagsinformation über das Buch geht es hier.


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