Schwarz-Weiß-Film neu im Kino "Der Leuchtturm" - ein klaustrophobisches Meisterwerk

Muss wegen eines Sturmes im Leuchtturm ausharren: Robert Pattinson als Ephraim Winslow. Er gerät in Konflikt  mit seinem Vorgesetzten,  dem alten Seemann Thomas Wake (Willem Dafoe). Foto: dpa/A24 Films/Universal PicturesMuss wegen eines Sturmes im Leuchtturm ausharren: Robert Pattinson als Ephraim Winslow. Er gerät in Konflikt mit seinem Vorgesetzten, dem alten Seemann Thomas Wake (Willem Dafoe). Foto: dpa/A24 Films/Universal Pictures
dpa

Osnabrück. Willem Dafoe und Robert Pattison liefern sich in Robert Eggers' "Der Leuchtturm" ein fesselndes Psychoduell.

Ein geisterhaft trötendes Horn im dichten Nebel ist das letzte, was der junge Ephraim Winslow von der Zivilisation hört. Und das für Wochen. Der junge Arbeiter (Robert Pattison) hat sich Ende des 19. Jahrhundert anheuern lassen, um auf einer windigen Insel vor der Ostküste der USA als Leuchtturmanwärter  zu arbeiten. Sein Vorgesetzter ist ein alter Seemann: Thomas Wake (Willem Dafoe), ein ungehobelter, unfreundlicher, älterer Mann. Er fordert viel von seinem Kollegen. Ephraim muss Kohlen schleppen, Schindeln richten, den Boden des Wohnhauses schrubben, den Turm anstreichen. Nur eines darf er nicht: Für das Licht des Leuchtturmes sorgen. Der Zugang zur Apparatur wird sogar versperrt.

Gibt es dort vielleicht ein Geheimnis? Ist sein Vorgänger wirklich verrückt geworden und gestorben? Und stimmen die Geschichten, dass es Unglück bringt, wenn man einen Seevogel tötet, weil sich darin die Seelen toter Matrosen befinden? Fast scheint es so. Denn als der junge Mann eine Möwe tötet, beginnt das Unglück.

Ein Dauersturm zwingt Ephraim länger als die vereinbarten vier Wochen Aufenthalt auf „dem Felsen“ auszuharren. Außerdem verderben durch Nässe die Lebensmittel der beiden. Zwar herrscht Mangel an Nahrung, nicht aber an alkoholischen Getränken. Zur Not wird sogar selber etwas aus Maschinenöl und Honig gemischt. Geständnisse werden gemacht, und in dieser Zeit treten auch die Konflikte zwischen den Männern offen hervor. Bis es zur Katastrophe kommt.

Wollte man ein Genre nennen, so ist "Der Leuchtturm" ganz gewiss ein Seemannsgarn, Eines, das übrigens - wie der Nachspann aufklärt - inspiriert ist von Autoren wie Herman Melville, H.P. Lovecraft, Robert Lewis Stevenson, Algernon Blackwood sowie realen Ereignissen. Man könnte noch Edgar Allan Poe, griechische Tragödien oder Joseph Conrad hinzufügen. Und doch ist dieser Film viel mehr als ein Konglomerat seiner Inspirationsquellen.

Gedreht mit alten Kameralinsen im fast quadratischen Format 1,19:1 vermitteln die Bilder eine geradezu unheimlichen Magie, einen klaustrophobischen Sog. In hartem Schwarz-Weiß mit dunklen Schlagschatten vermitteln vor allem die Innenaufnahmen dabei die Atmosphäre expressionistischer, deutscher Horrorfilme der 1920er, während die oft nebulösen Außenaufnahmen an Daguerrotypen erinnern. Auch die extra vor Kanada errichtete Kulisse des Leuchturms ist beeindruckend. 

Und wie bereits in seinem Spielfilmregiedebüt, dem brillanten Religionshorrordrama „The VVitch“ (2015), lassen Robert Eggers (und sein Co-Autor Mark Eggers, Roberts Bruder) die Zuschauer hier  in der Schwebe. Sind die unheimlichen Geschehnisse real? Horror-Visionen? Ausdruck des Verrücktwerdens? Oder die Deliriumsträume zweier dem Alkohol verfallener Männer?

Dabei verkörpern Robert Pattison („Maps to the Stars“) und Altstar Willem Dafoe die beiden Männer  in einer Mischung aus Körperlichkeit, latenter Homoerotik, Wahnsinn und zur Schau gestellten, sich wechselnden Herrschaftsverhältnissen geradezu perfekt, .

Dabei verlässt während des gesamten Films die Kamera nie die Leuchtturminsel. Ein Kammerspiel also, das sich ausgerechnet inmitten sturmumtoster Natur mit bedrohlichen Kaventsmännern befindet.

So ist "Der Leuchtturm" nicht nur ein subtiles Drama und ein spannender Horrorfilm, sondern ein wahrer Lichtblick im Kinoangebot. Mehr noch:  „Der Leuchtturm“, bereits in Cannes gefeiert, ist ein fesselndes Fest des Kinos.   

„Der Leuchtturm“ (Kanada/ USA 2019). R.: Robert Eggers. D.: Willem Dafoe, Robert Pattison. 110 Minuten. FSK: ab 16


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