Projekt "Public Matters" LWL Museum Münster und die Geschichte der Skulptur Projekte

LWL-Kulturdezernentin Dr. Barbara Rüschoff-Parzinger (2. Reihe links) und Museumsdirektor Dr. Hermann Arnhold (1. Reihe, 2. v. r.) stellten die Publikation und die Ausstellung "(The) Public Matters" im LWL-Museum für Kunst und Kultur vor. Foto: LWL/Meike ReinersLWL-Kulturdezernentin Dr. Barbara Rüschoff-Parzinger (2. Reihe links) und Museumsdirektor Dr. Hermann Arnhold (1. Reihe, 2. v. r.) stellten die Publikation und die Ausstellung "(The) Public Matters" im LWL-Museum für Kunst und Kultur vor. Foto: LWL/Meike Reiners
Meike Reiners

Münster. "Public Matters": Der sperrige Titel ist Programm. Formen der Öffentlichkeit stehen im Fokus, wenn es um die Geschichte der Skulptur Projekte in Münster geht. Das LWL Museum Kunst und Kultur rollt diese Geschichte auf und fragt nach Perspektiven für Kunst im öffentlichen Raum. Im Zentrum: Eine Arena für Debatten.

Joseph Beuys hat hier seine Fettskulptur „Unschlitt Tallow“ inszeniert. Der Minimal-Art-Künster Carl Andre zeigte am gleichen Ort seine Bodenskulptur „Piece for Münster“, Rainer Ruthenbeck ließ seine Fahne aus grünem Loden durch den Raum fluten. Der Lichthof des Münsteraner LWL Museums für Kunst und Kultur hat es in sich. Als ein Ausstellungsort der Skulptur-Projekte speichert er berühmte Kunstgeschichte - und wird jetzt zum Ort für Ausblicke in ihre Zukunft. Denn genau an diesem Ort wollen Kunsthistoriker auf die Geschichte des berühmten, oft mit der Kasseler Documenta verglichenen Kunstformates schauen und zugleich dessen Zukunft kartieren. Die nächste, die sechste Ausgabe der Skulptur Projekte steht 2027 an. Hier weiterlesen: Die Skulptur Projekte 2017 - fünf Highlights der Kunst im öffentlichen Raum.

Der Lichthof des Altbaus des LWL Museums Münster ist zur Arena umgebaut. Einjahr lang soll hier über die Kunst im öffentlichen Raum debattiert werden. An diesem Ort haben Künstler wie Joseph Beuys, Carl Andre und Reiner Ruthenbeck ihre künstlerischen Beiträge zu den Skulptur Projekten ausgestellt. Foto: Stefan Lüddemann

Arena für Debatten

Jetzt stehen im Lichthof des LWL Museums metallene Baugerüste im Karree. In der Mitte stehen Mikrofone, an den Wänden der Arkadengänge flimmern Videos über Bildschirme. Hier werden die Macher der Skulptur-Projekte ein Jahr lang die Geschichte des inzwischen international berühmten Ausstellungsformats für das Publikum neu aufrollen. Die Architektur avanciert hier selbst zum Exponat und zum Statement einer Kunst, die immer mehr als Ort gesellschaftlicher Aushandlung und als Medium einer Gestaltung von Öffentlichkeit und öffentlichen Räumen verstanden wird. Die Architektur der Arena liegt derzeit ohnehin in den Museen im Trend. Die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen hat parallel zu der Ausstellung "Museum global" die ganze Grabbe-Halle des Museums zur Arena umgebaut. Spezialistin für solche skulpturalen Architekturen ist unter anderen die Amerikanerin Rita McBride, deren Arena kürzlich in der Kestner-Gesellschaft in Hannover gezeigt worden war. Hier weiterlesen: Eine Stadt wird Kunst - per Fahrrad durch die Skulptur Projekte 2017 in Münster.

VW-Stiftung fördert

Eine Veranstaltungsreihe, eine Ausstellung, ein 500 Seiten dickes Buch: Das ist, ganz kurz notiert, das Ergebnis eines Forschungsprojektes, das unter anderem von der VW-Stiftung im Rahmen eines Projektes zur Forschung in Museen großzügig gefördert wurde. Rund 500000 Euro bewilligte die Stiftung für ein Projekt, bei dem Kunstwissenschaftler das Archiv der Skulptur-Projekte erforschten. „Münster hat mit den Skulptur-Projekten und ihrem Archiv ein Pfund, mit dem wir mehr wuchern müssen“, sagte Hermann Arnhold, Direktor des LWL Museums, zur Eröffnung des Projektes „Public Matters“.

Kunst draußen

Was macht die Skulptur-Projekte, die seit 1977 alle zehn Jahre ausgerichtet werden, zu einem herausragenden Ereignis im internationalen Kunstgeschehen? Das zuletzt 2017 in der fünften Edition ausgerichtete Kunstereignis inszeniert Kunst draußen, als Ereignis im öffentlichen Raum. Das Format, das 1977 in der ersten Ausgabe für erregte Debatten sorgte, ist längst zum Publikumsliebling und Marketinghype avanciert. Jede Ausgabe der Skulptur-Projekte wird von Hunderttausenden Besuchern gesehen. Von den bislang fünf Ausgaben sind rund 40 Werke im Stadtraum verblieben. Skulpturen wie Claes Oldenburgs riesige Billardkugeln aus Beton am Aasee sind Kult und optische Visitenkarten der Universitätsstadt.  Hier weiterlesen: Weltformat der Kunst in Münster - Was sind die Skulptur Projekte?

Dreharbeiten zu The Public Matters, 2019, in der Skulptur Square Depression von Bruce Nauman. © Projekt 2077

Thematische Achse

Jetzt schauen die Projektemacher zurück und nach vorn. Marianne Wagner, Kuratorin am LWL Museum, und Ursula Frohne, Professorin für Kunstgeschichte an der Westfälischen Universität Münster, haben mit ihrem Team die Archivbestände der Ausstellungsreihe aufgearbeitet und Fragen an die Zukunft des Kunstformats gestellt. Wie wird sich in den nächsten Jahren die Vorstellung von Öffentlichkeit verändern? Diese Debatte markiert die thematische Achse der Skulptur-Projekte. Ein Jahr lang soll nun das Format mit seiner Geschichte im Mittelpunkt von öffentliche Vorträgen und Diskussionen stehen.

Tribüne und Mikros

Genau dafür haben die Museumsleute den Lichthof des alten Museumsbaus mit Tribünen und Mikros in eine Arena für Debatten und Kommunikation verwandelt. Kabel führen über den Boden. Auf den Tribünen liegen die Kataloge der bisherigen Ausgaben der Skulptur Projekte aus. Wenn es nach Kuratorin Marianne Wagner geht, sollen hier Menschen zum Reden und Lesen zusammenkommen. Das Museum nicht als Schatzkammer, sondern als Treffpunkt und Debattierraum: Das ist die Lieblingsvorstellung von Marianne Wagner. Am 4. Dezember 2019 startet das Vortragsprogramm mit einem ersten Beitrag zur Geschichte der Skulptur-Projekte.

Videos des Kollektivs

In den Wandelgängen hat das Künstlerinnenkollektiv „Projekt 2077“ Videos installiert, die die Skulptur-Projekte aus der Sicht einer Zukunft zeigen, in der die Gesellschaft in eine bedenkliche Krise gestürzt ist. Kuratoren als Heiler, Künstler als Sinnsucher – um diese Vorstellungen kreisen die Videos der Gruppe, die zum Teil Bezug auf einzelne Arbeiten vergangener Skulptur Projekte nehmen. Dazu gehört die "Square Depression", eine umgedrehte, in den Boden vertiefte Pyramide, die Bruce Nauman schon für die erste Ausgabe der Skulptur Projekte 1977 entwickelte. Die Arbeit konnte aber erst 2007 verwirklicht werden. "Projekt 2077" zeigt weiß gewandete Menschen, die auf dem Areal der Vertiefung orientierungslos herumwandeln und nach und nach von vier schwarz gekleideten Heilern zu neuer Gemeinschaft geführt werden. Künstler und Kurator als Heiler, womöglich Heilsbringer - auch in der ironischen Lesart bleiben solche Zukunftsprojektionen des Kollektivs "Projekt 2077" problematisch. Diskurs und Kontroverse dürfte eher der Zielpunkt der Skulptur Projekte sein als Therapie und eine wie auch immer verstandene Heilung. Ob die Videoarbeiten deshalb die Skulptur-Projekte aufschließen können, bleibt fraglich. Die Debatten im Lichthof dürften den Besuch nicht nur eher lohnen. Die Architektur der Arena dürfte auch das angemessene künstlerische und kuratorische Medium für einen produktiven Umgang mit den Skulptur Projekten, ihrer Historie und Zukunft sein. 

Münster, LWL Museum Kunst und Kultur: Public Matters. Projekt zum Skulptur-Projekte-Archiv. 28. November bis 15. November 2020. Zur Information über Ausstellung und Programm geht es hier.


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