Buch zum 250. Geburtstag Rüdiger Safranski erzählt die Biografie Hölderlins

Mit der Biografie über Friedrich Hölderlin auf dem Buchmarkt: Der deutsche Philosoph und Schriftsteller Rüdiger Safranski. Foto: Patrick Seeger/dpaMit der Biografie über Friedrich Hölderlin auf dem Buchmarkt: Der deutsche Philosoph und Schriftsteller Rüdiger Safranski. Foto: Patrick Seeger/dpa 

Osnabrück. Viel gelesen wird er nicht mehr. Dabei hätte Friedrich Hölderlin uns heute wieder viel zu sagen. Seine Versen feiern den Menschen, der die Freiheit wählt und sein Glück findet. Rüdiger Safranski erzählt sein Leben jetzt neu. Schade nur, dass diese Biografie einem wunden Punkt aus dem Weg geht.

Der letzte Satz dieses Buches hätte der erste sein können. „Erreicht er uns noch, und erreichen wir ihn? Schön wäre es.“ Rüdiger Safranski bringt in seiner Biografie das Dilemma des Dichters Friedrich Hölderlin auf den schmerzhaften Punkt. Immer zu groß, um ganz verstanden zu werden, einfach zu bedeutend, um, wie Safranski schreibt, einfach vergessen werden zu können – Hölderlin ist eine ferne Größe, seine Gedichte, sein Roman „Hyperion“ der Genuss einer eingeschworenen Lesergemeinde. Rüdiger Safranski gibt sein Bestes, um das „göttliche Feuer“, dass der Dichter mit Gedichten wie „Brot und Wein“ oder „Der Gang aufs Land“ entzündete, neu leuchten zu lassen.  Hier weiterlesen: Dichter und Deutschlandhasser - Friedrich Hölderlin im Porträt.


Das scheiternde Genie

Friedrich Hölderlin (1770-1843) entspricht dem vermeintlich typischen Bild des scheiternden Genies. Hochfliegende Pläne, verpasste Karriere, aussichtslose Liebe, überhaupt der Grundkonflikt mit der Alltagswirklichkeit und obendrein noch die geistige Umnachtung, in der Hölderlin 36 lange Jahre verdämmert: Aus solchen Versatzstücken besteht bis heute das populäre Bild dieses Künstlers. Rüdiger Safranski macht die Gegenrechnung auf, verweist auf Hölderlin als den zornigen jungen Mann, den unablässig Suchenden, der sich mit dem lauen Behagen biederer Bürgerlichkeit nicht zufriedengeben will. Hölderlin fordert Freiheit ein.

"Göttliches Feuer"

„Göttliches Feuer auch treibet, bei Tag und bei Nacht, / Aufzubrechen, So Komm! daß wir das Offene schauen“: Die Zeilen aus dem Gedichtklassiker „Brot und Wein“ verschränken, was Hölderlin ausmacht – den hohen Ton und die unbedingte Dringlichkeit. Hölderlins Gedichte passen nicht in die Zeit von Facebook und Poetry Slam. Sie sind, heute wieder, die radikale Alternative zum Alltagsgerede. Rüdiger Safranski macht diese Kraft spürbar, indem er Auszüge aus Hölderlins Gedichten und Briefen in seinen Text montiert und so den Weg zu diesem berühmten, aber heute eher selten gelesenen Dichter neu bahnt.

Zeitgenössische Darstellung des Schriftstellers und Dichters Johann Christian Friedrich Hölderlin. Foto: dpa

Bestens lesbar

Safranski bewährt sich auch in seinem neuen Buch als der geschickte Vermittler einer gern als bloß bildungsbürgerlich bespöttelten Welt. Er hat einem breiten Lesepublikum polarisierende Geistesgrößen wie Martin Heidegger (1994), Friedrich Nietzsche (2000) oder zuletzt Johann Wolfgang Goethe (2013) neu erschlossen. Safranski erzählt Lebensläufe und Denkprozesse gleichzeitig. Gerade diese Kunst macht seine Bücher so gut lesbar und zugleich ungemein aufschlussreich. Das gilt auch nun für seine Darstellung Friedrich Hölderlins, die pünktlich zu dessen 250. Geburtstag am 20. März 2020 erscheint.  Hier weiterlesen: Pyramide des Daseins - wie gut ist Rüdiger Safranskis Goethe-Biografie?

Landkarte der Biografie

Safranski ist klug genug, landläufige Bilder Hölderlins nicht noch einmal zu bedienen. Der Sonderling, der Dichter der vaterländischen Dichter, den die Nazis missbrauchten, der Denkmalklassiker, all das hält Safranski auf Distanz. Geduldig faltet Safranski die Landkarte einer Biografie auseinander, die typisch ist für ihre Zeit. Denn Hölderlin ist das ewig verhinderte Genie, das sich als Hauslehrer verschleißt, seine Liebe zur Bankiersgattin Susette Gontard nicht leben darf, als Herausgeber von Zeitschriften scheitert. Poetisch ein Riese, beruflich ein Zwerg: Hölderlins Dilemma ist ohne Ausweg. Safranski aber nimmt ernst als scharfsichtigen Zeitkritiker, der mit seinen Gedichten den freien Menschen feiert, der für ihn mehr sein muss als eine Funktion in der Nützlichkeitswelt.


Den Menschen feiern

Dieser Hölderlin geht uns auch heute etwas an. Safranski stellt ihn uns vor das innere Auge. Und er bringt ihn uns mit seinen Versen neu ins Gehör. Darin liegt sein großes Verdienst. Schade nur, dass Safranski die disparate, zum Teil auch problematische Wirkungsgeschichte Hölderlins so knapp abhandelt. Sie hätte den Ausgangspunkt für diese Biografie bilden können, ja müssen. Dafür erzählt uns Safranski die Geschichte Hölderlins als eines Dichters, der den Mut hatte, den Menschen zu feiern und der deshalb mehr als ein nur laues Andenken verdient: „Alles prüfe der Mensch, sagen die Himmlischen, / Daß er, kräftig genährt, danken für Alles lern´, / Und verstehe die Freiheit, / Aufzubrechen, wohin er will“.

Rüdiger Safranski: Hölderlin. Komm! Ins Offene, Freund! Biografie. Hanser Verlag. 336 Seiten. 28 Euro. Zur Verlagsinformation zum Buch geht es hier.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN