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Gestochen scharfe Polaroids Die Kunst mit dem Klick: Ausstellung in Düsseldorf

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Düsseldorf. So rasant erscheinen und vergehen neue Medien: Das Polaroid verzückte einst als Inbegriff des schnellen Bildes. Inzwischen hat die digitale Fotografie das „Sofortbild“ musealisiert. Oder doch nicht? Düsseldorf zeigt, wie aus Polaroids Kunst wird.

Ein Klick, ein Ritsch, ein Sirren. Aus dem Schlitz des Apparats gleitet eine rechteckige Pappe. Und dann geschieht das Wunder. Auf dem Bildträger zeichnen sich erste, schwache Konturen ab, verdichten sich zu Flecken und Formationen, bis schließlich aus den Tiefen der weißen Fläche ein Bild heraufschwimmt. Fertig ein Foto als solitäres Original, das Sofortbild. Das Polaroid – der Markenname avancierte zum Wort für eine ganze Gattung der Fotografie – faszinierte Millionen Nutzer.

Vor allem in den Siebzigerjahren hatten Sofortbildkameras Hochkonjunktur – bis die digitale Fotografie die Firma Polaroid in die Pleite trieb. 1947 brachte Edwin Land das seinerzeit revolutionäre Verfahren auf den Markt, 2008 stellte Polaroid seine Filmproduktion ein. Verglichen mit den superflachen Smart- und iPhones, mit iPads und winzigen Fotoapparaten wirken die Sofortbildkameras heute mit ihren Handgriffen, ausfaltbaren Körpern und wuchtigen Objektiven wie Exemplare einer lange ausgestorbenen Gattung.

Die Bilder, die mit diesen Kameras gemacht werden konnten und können, entwickelten jedoch seit jeher hohen ästhetischen Reiz. Das Düsseldorfer NRW-Forum breitet nun aus, was Fotokünstler von Andy Warhol bis Ansel Adams, Robert Mapplethorpe und Diane Arbus mit den Sofortbildkameras produzierten. Die raffinierte Idee: Polaroid stellte prominenten Fotografen Kameras und Filmmaterial zur Verfügung, auch die wenigen Elefanten unter den Sofortbildkameras, schwere Giganten, mit denen sich Fotos von mittlerer Gemäldegröße produzieren lassen. Im Gegenzug gaben die Künstler Bilder für die Sammlung. Die Kollektion versammelt Fotografiegeschichte wie in einem Brennpunkt. 2009 sollte sie versteigert werden. Doch der Sammler und Kurator Peter Coeln erwarb 4400 Arbeiten von 800 Fotografen und rettete damit ein einzigartiges Konvolut, aus dem sich nun die Düsseldorfer Ausstellung speist.

Das künstlerische Polaroid dokumentiert mehr als bloße Knipserei von Prominenten. Bezeichnend oft experimentierten Warhol und Co mit dem Porträt. Kein Wunder, das Polaroid garantiert die Nähe zum Bild, macht das Fotografieren zu einer geschlossenen Situation. Warhol lässt sich von Oliviero Toscani mit der Sofortbildkamera in der Hand ablichten. Aus der Kamera rutscht gerade ein frisches Polaroid – mit Warhol-Porträt natürlich. Ein ähnliches Doppelspiel inszenierte sehr charmant auch Modefotograf Jeanloup Sieff. Sein Foto zeigt ein Polaroid-Selbstbildnis, das der Fotograf kokett unter einen Scheibenwischer geklemmt hat. Das Sofortbild als Medium des gar nicht diskreten Anbandelns?

Wie es auf Instantbildern ernsthafter zugehen kann, demonstrierten unter anderen Walker Evans und Ansel Adams. Evans bringt die verschrottete Autotür als Denkmal des verblassten amerikanischen Traums vom grenzenlosen Wohlstand ins kleine Format. Und Adams zeigt mit seinem „Window“ ein blindes Fenster in einer abgeblätterten Hausfassade – eine Studie von rahmensprengender Intensität. Wie das große Polaroid-Format künstlerisch gewinnbringend eingesetzt werden kann, zeigte Robert Rauschenberg mit seinen Fassadenstudien, die mit ihren Farbflächen streng wie Gemälde komponiert sind.

Das kleine Problem der Ausstellung: Die Konjunktur des Sofortbildes in den Siebziger- und Achtzigerjahren führt dazu, dass in der Ausstellung gerade der überladene Look der Achtziger dominiert. Üppig komponierte Stillleben, exzessive Körperinszenierungen: Dieser Zeitgeist liegt heute so nahe wie „Dallas“ oder „Denver“ als TV-Serien. Die gute Nachricht: Künstlerische Polaroids werden weiter produziert. Das Massenmedium reüssiert jetzt als Werkzeug für Künstler – auch eine Erfolgsgeschichte.

Düsseldorf, NRW-Forum: Die Polaroid Collection. Die Wiederkehr der Polaroids. Bis 5. August.Di–Do, Sa, So, 11–20 Uhr, Fr, 11–24 Uhr.


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