"Vor elf Uhr bin ich unmotiviert" Comedian Torsten Sträter über Depressionen und Dampfbügler

Tasse Kaffee und Schlauchmütze gehören bei Torsten Sträter dazu. Foto: Swaantje HehmannTasse Kaffee und Schlauchmütze gehören bei Torsten Sträter dazu. Foto: Swaantje Hehmann

Selm. Torsten Sträter kommt zu spät. Schnell noch Soundcheck, dann das Interview in der Künstlergarderobe. Kurz vor der Show. Der Mann hat Nerven.

Herr Sträter, ein Interview kurz vorm Auftritt. Das geht? 

Ja klar. 

Kein Lampenfieber?

Null.

Woher kommt diese Ruhe?

Wenn man oft genug Quatsch auf der Bühne gemacht und es unheimlich häufig funktioniert hat, dann geht man mit so einer Grundsicherheit auf die Bühne, dass es diesmal auch gut gehen wird. Das ist wahrscheinlich eine Mischung aus positivem Denken und Blödheit.

Trinken Sie vorher noch einen Schnaps?

Nein. Ich trinke überhaupt keinen Alkohol. Vielleicht zweimal im Jahr.

Wie kommt’s?

Zu viel unterwegs, auch oft mit dem Auto, zu viel in der Öffentlichkeit. Ich habe noch nie in der Hotelbar gesessen und ein Bier getrunken. Da sitze ich lieber auf meinem Zimmer in der Badewanne und gucke Netflix.

Und wie steht’s mit Auftrittsritualen?

Nichts Besonderes. Ich brühe mir backstage meinen eigenen Kaffee, den ich mit rausnehme. Es gibt also einen fließenden Übergang von der Behaglichkeit, Kaffee zu machen und ihn dann auf der Bühne zu trinken. Ab und zu bügele ich auch. Heute zum Beispiel habe ich zwar schon Hemden zuhause gebügelt, habe die auf der Fahrt aber zusammengeknittert. Jetzt bügele ich sie gleich nochmal.

Haben Sie etwa immer ein Bügeleisen dabei?

Einen Aufdampfer oder auch Dampfbügler. Kleines Handgerät. Das brauche ich für die leichten Falten.

Ist das ein Relikt aus der Zeit, als Sie Herrenschneider waren?

Nein, die Dinger hat es damals noch gar nicht in der Form gegeben. Man fühlt sich einfach frischer, wenn das Hemd gebügelt ist. Und ich ziehe einfach gern etwas anderes an als auf der Anreise. Die Klamotten sind zwar die gleichen, aber es geht ums Prinzip.

Wie sind Sie damals auf eine Schneider-Lehre gekommen?

Fand ich gut. Ich war und bin ein großer Kostüm- und Maskenfreund. Batman, Zorro, all diese Charaktere haben mich als Kind sehr geprägt. Ich habe als Jugendlicher versucht, etwas zu nähen und dabei die Bluse meiner Mutter kaputtgeschnitten. Die fand das mäßig geil, also war richtig sauer. Ich war einer von den Jungs mit 14, von denen es hieß: Der ist bestimmt schwul. Weil ich oft in Stoffläden unterwegs war und nach billigen Stoffresten gefragt habe. Daraus habe ich dann etwas Brauchbares genäht. Nach der Bundeswehr hatte ich von Grobmotorik so die Schnauze voll, dass ich mich bei einem Schneider um eine Ausbildung beworben habe.

Und warum tragen Sie dann nur schwarz?

Ich weiß nicht. Ich trage schwarz einfach gern. Schwarz vereinigt alle Farben in sich, schwarz sieht auf der Bühne gut aus. Das stammt wahrscheinlich aus meiner Gothik-Vergangenheit. Ich habe auch nichts gegen Erdtöne. Nur blau geht gar nicht. Das ist eine Farbe, die jedem schmeichelt und toll aussieht. Aber ich habe darauf keinen Bock.

Wann haben Sie die obligatorische Mütze für sich entdeckt?

Vor einigen Jahren. Aber nicht nach dem Motto: So, ich brauche jetzt mal ein Markenzeichen. Wäre ja albern. Sondern es lag an dem Schweiß, der mir in die Fresse lief. Bei meinen ersten Poetry Slams probierte ich noch eine Baseballkappe aus. Aber die trug dort jeder. Irgendwann habe ich die Schlauchmütze entdeckt und gedacht: Jau, passt. Im Laufe der Zeit habe ich mir so viele davon gekauft, dass ich immer eine dabeihabe. Mittlerweile habe ich aber auch eine respektable Sammlung von Borsalino-Hüten in allen Farben.

Erhalten Sie viele eindeutige Botschaften von Frauen?

Nein, tatsächlich erschreckend wenige. Und wenn etwas in der Agentur landet, dann sind das so absurde und krude Dinge, dass es nicht mal zur Belustigung dient, sondern eher zu Beängstigung. Meistens erhalte ich Lob von Leuten, die mir mitteilen, wie sehr sie sich amüsiert haben. Das freut mich. Manche schicken auch Geschenke, was sie lieber lassen sollten. Ich habe immer Angst, ein Paket aufzumachen. Wenn sie mir selbstgemachte Kekse schicken und Bisamratten umkreisen das Paket, weil ich einen Monat lang nicht bei meiner Agentur vorbeigeschaut habe, ist damit keinem gedient.

Gibt Ihr 16-jähriger Sohn Ihnen auch Feedback?

Oh ja: „Papa, das war wieder super unangenehm.“ Ich erkläre in meinem neuen Programm, warum ich jetzt damit aufhören muss, über meinen Sohn zu reden, ohne darüber aufzuhören, über meinen Sohn zu reden. (lacht)

Ihr Terminkalender ist voll bis Ende nächsten Jahres. Wie schaffen Sie es da noch, so viel zu schreiben?

Ich kann das gut. Die Grundzüge des neuen Programms habe ich in vier Tagen geschrieben. Dafür habe ich mich in einem Hotel eingeschlossen. Aber ich muss auch sagen: Ich habe nicht viel anderes zu tun außer zu schreiben und zu performen. Und ich schreibe überall, im Zug, auf Toilette, im Bett oder im Büro. Nicht so viel nachdenken, einfach mit dem Schreiben anfangen. Irgendwas bleibt auf jeden Fall hängen.

Woher stammt die Liebe zum Schreiben?

Das ist eine Hassliebe. Tatsächlich bin ich produktiver unter Druck, hasse den Druck aber, müsste den Druck auch nicht haben, wenn ich rechtzeitig anfangen würde. Andererseits gibt es so Nummern wie bei „extra3": Da kriege ich das Thema so spät, dass immer Druck im Kessel ist. Also innerhalb von zwei Tagen abliefern. Das ginge ja noch, wenn ich nicht so viele Termine hätte. Ich schreibe dann meistens kurz vorher im Zug nach Hamburg den Text.

Läuft bei Ihnen…

Weiß nicht. Ist ja immer trügerisch. Das Leben hat mir zu oft in den Arsch gekniffen, als dass ich sagen könnte, es läuft gut. Im Moment läuft es gut. Von dem Geld, das ich verdiene, lege ich viel weg. Das gibt mir eine gewisse Sicherheit. Ansonsten würde ich wahrscheinlich auch alles umsonst machen. Es macht einfach zu viel Spaß.

Sie haben auch ganz andere Zeiten erlebt, wie Sie auf Ihrer Homepage schreiben: „In den Neunzigern ziemlich arm gewesen, Anfang der 2000er die Orientierung verloren und in stumpfen Jobs gearbeitet“. Das müssen Sie uns erläutern...

Nach der Scheidung meiner Eltern verarmten wir. Ich habe nie viel Kohle gehabt. Irgendwann kommt es dir normal vor, nur mit den paar Euro auszukommen und zu wissen, an Urlaub ist gar nicht zu denken und ich muss noch zehn Tage warten, bis ich mir dies oder das leisten kann wie zum Beispiel essen gehen. Über diese Erfahrung bin ich heute froh. Wenn ich mit 30 viel mehr Geld verdient hätte, wäre ich wahrscheinlich durchgedreht. Und ich hätte versucht, all meine pubertären und postpubertären Fantasien finanziell zu erfüllen. Das ist jetzt nicht mehr der Fall. Ich brauche ganz viele Sachen nicht.

Was brauchen Sie, um glücklich zu sein?

Ich habe ein Faible für Schuhe entdeckt, also für schöne Stiefel. Weil ich immer billige Schuhe hatte, trage ich jetzt teurere. Das gönne ich mir einfach. Genauso geht es mir mit Klamotten. Wenn ich irgendwo in einer netten Boutique etwas sehe und es mir dann auch noch passt, also wo ich die Plauze drunterkriege, dann kaufe ich das. Das ist ein reiner Lustkauf. Letztens habe ich einen 4-K-Beamer gekauft. Vor zwei Jahren war er mir noch zu teuer. Damit kann ich jetzt im Hotel sitzen und einen Film an der weißen Wand gucken. Ich habe ansonsten ja keine teuren Hobbys, keine exorbitant teuren Uhren, keine exorbitant teuren Autos, höchstens eins, das viel schluckt.

Welches Modell?

Mustang V8, Baujahr 2017.

Dann pfeifen Sie also auf die Klima-Aktivisten…

Nein, gar nicht. Ich bin ambivalent. Ich möchte diesen Mustang gerne fahren, bin aber explizit für ein Tempolimit. Mein Wagen hat bei 130 den besten Verbrauch, läuft am effizientesten. Das ist bei jedem anderen Auto auch so, habe ich gelesen. 130 ist die optimale Geschwindigkeit. Schon damit würden wir die Umwelt entlasten. Es gibt zudem zu viele Leute, die der Auffassung sind, wenn der Wagen schon 260 fährt, dann machen sie es auch. Ein Gutteil dieser Leute bringt sich oder andere damit um. Ich glaube nicht, dass 21-jährige Jungs dafür geschaffen sein sollten, 260 km/h zu fahren. Und die Leute, die es unbedingt wollen, machen es ja doch. Aber dann sollen sie bitte dafür zur Kasse gebeten werden. Klar, ein Mustang V8 mit 450 PS ist ein vollkommen überflüssiges Ding, von dem ich mich irgendwann auch trennen werde. Aber ich muss diesen Traum, den ich als Jugendlicher hatte und der über viele Filme transportiert wurde, in meiner Seele erst abarbeiten.

Sie machen keinen Hehl daraus, dass Sie unter Depressionen litten. Wirkte sich das in Form von Lustlosigkeit und Unmotiviertheit aus?

Nein. Unmotiviert bin ich immer. Wenn ich um zehn Uhr aufstehe, bin ich komplett unmotiviert, weswegen ich nicht vor elf aufstehe. Das ist die optimale Zeit. Dann kommt das erste Zimmermädchen im Hotel. Und zuhause ist es auch gut, wenn man dann wach ist. Depression ist was anderes - eine tiefschwarze, unendliche Traurigkeit, die dir Dinge plausibel macht wie Suizid. Du denkst: Wenn du es geschickt anstellst, kannst du alle Probleme auf einen Schlag lösen. Wenn sich diese Plausibilität der schwarzen Gedanken einschleicht, musst du unbedingt etwas dagegen unternehmen. Bei mir gab es diese Leere und Hoffnungslosigkeit, ich konnte über nichts lachen und nichts fühlen. Absolut entsetzlich.

Haben Sie eine Therapie gemacht?

Ich habe eine angefangen, zwischendurch eine gemacht, und gehe auch jetzt ab und zu zum Therapeuten. Ich habe damals vor 20 Jahren Antidepressiva bekommen. Vor vier Jahren habe ich die nochmal genommen, weil mich der Tod meiner Mutter so erwischt hat. Jetzt ist aber alles gut. Ich habe das Zeug zügig wieder abgesetzt und angenehme Fettdepots davon zurückbehalten, die ich wohl nicht mehr wegkriege.

Solche persönlichen Dinge verarbeiten Sie auf der Bühne mit Humor. Ist diese Authentizität der Schlüssel Ihres Erfolges?

Das ich kann ich schlecht beurteilen. Natürlich kann und will ich nicht alles aus meinem Leben erzählen. Aber es gibt Dinge, von denen ich denke, dass sie für andere interessant und hilfreich sind. Und ich kann sie bescheuert und lustig aufarbeiten. Über Depression zu reden bringt mir nichts, wenn ich mich nicht darüber lustig machen kann.

Sie sprechen auf der Bühne auch oft Ihre Ängste an. Alles wahr?

Ja klar. Ich habe Angst vorm Blutabnehmen, vor Nadeln und Spritzen, und davor, krank zu werden. Ich habe auch große Angst vorm Fliegen. Ich mache es trotzdem, weil ich irgendwohin kommen will, muss mich aber echt überwinden. In diesem Fall hilft mir dann mal ein Gin Tonic, wenn es nicht gerade morgens um halb acht ist. Und ein Noise-Cancelling-Kopfhörer, der viel von den apokalyptischen Start- und Landegeräuschen wegnimmt. Da lege ich dann Musik drüber, mache die Augen zu und dann ist es fast wie Straßenbahn fahren, wenn keine Turbulenzen kommen.

Waren Sie früher eigentlich der Klassenclown?

Nein. Ich war zu schlecht in der Schule. Klassenclown zu sein, kannst du dir erlauben, wenn du im gesunden Mittelfeld unterwegs bist. In Mathe war ich okay, in Deutsch gut, aber das hat mich nicht herausgerissen. Ich war immer ein kleiner Ironiker und Zyniker, der das Geschehen um mich herum kommentiert hat.

Vita

Torsten Sträter wird am 4. September 1966 in Dortmund geboren. Nach Schule und Wehrdienst absolviert er eine Ausbildung zum Herrenschneider. Er arbeitet einige Jahre in dem Beruf, bevor er zu einer Spedition wechselt. Dort in einem Container- Büro beginnt er „aus Langeweile“, wie er sagt, Horror- und Comedy-Kurzgeschichten zu schreiben, die er dann vor rund 15 Jahren auch auf Poetry Slams vorliest. 2009, 2010 und 2012 gewinnt Sträter sogar die NRW-Slam-Meisterschaften. Er schreibt zudem für das Satiremagazin „Pardon“ sowie humoristische Kolumnen für den „Kicker“ und veröffentlicht seit 2004 Bücher mit seinen Kurzgeschichten. 2003 kommt sein Sohn zur Welt, der aber nicht bei ihm aufwächst. Sträter leidet nach eigenen Angaben schon in den Neunzigerjahren an einer depressiven Erkrankung, die er auch auf der Bühne immer wieder kabarettistisch thematisiert. Im Januar 2018 wird er Schirmherr der Deutschen Depressions-Liga (DDL). Mittlerweile hat Sträter zahlreiche Preise erhalten, und ist häufig zu Gast in der „heute-show“, bei Dieter Nuhr, „extra 3“ und in Quiz-Shows. Ansonsten bereist er das ganze Jahr lang die Republik mit seinen Comedy-Lesungen.


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