Neu im Kino Corinna Harfouch brilliert in „Lara“

Haben sich entfremdet: Lara (Corinna Harfouch) und ihr Sohn Viktor (Tom Schilling). Foto: StudiocanalHaben sich entfremdet: Lara (Corinna Harfouch) und ihr Sohn Viktor (Tom Schilling). Foto: Studiocanal

Osnabrück. Corinna Harfouch brilliert als vereinsamte Frau im Herbst ihres Lebens in Jan-Ole Gersters zweitem Spielfilm "Lara".

Eine Frau steigt auf einen Stuhl, öffnet das Fenster, und steht kurz davor, sich aus einem der oberen Stockwerke ihres Hauses hinabzustürzen. Doch plötzlich klingelt es. Zwei Polizisten stehen vor der Tür, wollen die frühpensionierte Beamtin, als Zeugin für eine Hausdurchsuchung bei einem Nachbarn verpflichten. Lara (Corinna Harfouch) wurde also nochmal ins Leben geholt. Aber was ist das überhaupt für ein Leben, das sie führt?

Als Beamtin hat sie ihr Berufsleben an einer Behörde verbracht, bis eine Krankheit sie aus dem Leben riss. Sie lebt allein – getrennt von ihrem Ex-Mann, ihrer Mutter und ihrem Sohn Viktor (Tom Schilling). Mehr noch: Sie hat sich von diesen Personen völlig entfremdet. Auch von ihrem Sohn, der als Pianist  eigene Kompositionen aufführen will, Lara aber nicht eingeladen hat. Und dass, obwohl am Tag der Aufführung der 60. Geburtstag der Mutter ist.

Lara indes kauft die 22 Restkarten des Konzertes auf, und verteilt sie. An Ex-Kolleginnen, an einen Nachbarn, Zufallsbekanntschaften oder ihren alten Klavierlehrer, der als Musikprofessor arbeitet. Als sich der Konzertabend nähert, wird Lara wieder von ihren eigenen Gefühlen überwältigt. Und doch erscheint sie dabei so kühl und unnahbar wie immer. Klar ist: Dieser 60. Geburtstag wird zum Wende- vielleicht zum Endpunkt inm Leber dieser Frau werden.

"Lara" ist auch ein Film voller einprägsamer Bilder! Denn mit ihrem ockerroten Mantel scheint Lara fast eins zu werden mit der herbstlichen Stadtlandschaft Berlins, irgendwo zwischen Hansaviertel und Charlottenburg. Dabei wirken die gedeckten Farben, denen jede Lebenskraft entzogen scheint, auch in der oft bräunlichen Ausstattung der Innenräume wie eine metaphorische Andeutung des nahenden Wintertodes. Kameramann Frank Griebe, bekannt für seine Arbeiten mit Tom Tykwer, hat mit „Lara“  zweifellos einen auch visuell grandiosen Herbstfilm geschaffen. 

Dass Corinna Harfouch die Titelrolle spielt, hatte Regisseur Jan-Ole Gerster, dessen zweiter Spielfilm nach „Old Boy“ (2012) dies ist (ebenfalls mit Tom Schilling), zur Bedingung für „Lara“ gemacht. Eine kluge Entscheidung. Denn wie die Harfouch als Flaneurin durch die Stadt und ihre eigene Vergangenheit spielt,wirkt passgenau. Ihre Figur bildet zweifellos das Zentrum des Films, und zwingt den Zuschauer so auch hinter die Fassade einer verletzten Seele zu sehen. Und somit auch hinter ihren Grobheiten in mitunter tragikomischen Szenen.. Etwa wenn sie einen offenbar untalentierten Klavierschüler tadelt. Wobei klar wird: Sie sieht sich selbst in der Rolle, die dieses Kind ausfüllt, aber auch ihren Sohn. Dabei ist Gerster klug genug, seine Hauptperson mit einigen Geheimnissen zu versehen. Weshalb wurde Lara aus ihrer Tätigkeit entlassen? Und welches Ereignis hat sie von ihrer Familie, besonders von ihrem Sohn, entfremdet? Was hat die Beziehung zu ihrer Mutter so verfinstert?

Der Film lässt diese Leerstellen offen und vom Publikum füllen. Dabei wird die anfangs so unsympathisch wirkende Frau im Laufe des Films immer mehr zu einem Menschen, dem das Leben übel mitgespielt hat.

Und auch, wenn Anklänge an Isabelle Huppert in Michael Hanekes Jelinek-Verfilmung „Die Klavierspielerin“ (2001) oder an Hannelore Elsners Rolle in Oskar Roehlers „Die Unberührbare“ (2000) nahe liegen, ist „Lara“ doch ein einzigartiges Werk geworden. Ohne Frage: "Lara" ist nicht nur einer der künstlerisch ausgereiftesten, sondern auch berührendsten Filme dieses Kinojahres.  

„Lara“ (D 2019). R.: Jan-Ole Gerster. D.: Corinna Harfouch, Tom Schilling, Steffen Jürgens, Hildegard Schroedter. 98 Minuten. FSK: ab 0


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