Neuerscheinung Zwiespältiger Roman: Sybille Lewitscharoffs "Von oben"

Von Karsten Herrmann

Sibylle Lewitscharoff hat einen neuen Roman vorgelegt. Foto: dpa/Uwe ZucchiSibylle Lewitscharoff hat einen neuen Roman vorgelegt. Foto: dpa/Uwe Zucchi
Uwe Zucchi

Osnabrück. Sybille Lewitscharoff legt einen zwiespältigen Roman vor, der meisterlich startet, um sich dann im schnöden Alltag und hei-derggerschen Geraune zu verlieren und dann doch noch zu überraschen.

„Vor dem Tod. Nach dem Tod. Das sind zwei grundverschiedene Arten, die eigene Existenz zu erfahren“ – mit dieser ebenso einleuchtenden wie grotesken Sentenz steigt Sibylle Lewitscharoffs Ich-Erzähler in „Von oben“ ein. Wobei das mit dem Ich-Erzähler so eine Sache ist, denn er erzählt post mortem und fühlt sich eher als „flottierende Wesenheit mit unklaren Konturen“ und in einem reduzierten Seinszustand, in dem vieles im Ungefähren und Unbestimmten bleibt. Entgegen Heideggers Diktum, dass sich der Tod nicht mitteilt, überschreitet der Erzähler die Grenzlinie und tut ebendies. Physisch getrennt von der Welt und ohne weiteren Kontakt im Totenreich versucht er sich an seine Existenz zu erinnern und fühlt eine große Einsamkeit in sich, die er aber gleich wieder wegwischt: „Die kleine Metaphysik meines Unglücks ist letztlich doch nicht der Rede wert.“

Die ersten dreißig Seiten in diesem Roman sind ein stilistisch und inhaltlich grandioses Spiel mit der Metaphysik voller Witz und Tiefgang. Doch aus diesen metaphysischen Höhen und der Reflexion über das Sein nach dem Tod geht es in der Folge wieder ein Stück zurück auf den Boden der Tatsachen. Im Himmel über Berlin schwebend, schaut der Erzähler in die Straßen der Stadt, in erleuchtete Wohnungen und bevölkerte Kneipen und Cafés. Er besucht Freunde und Nachbarn, ein Lachseminar und sogar die Bundeskanzlerin. Er beobachtet einen Totschlag und einen Selbstmord und gerät in ein Sado-Maso-Studio – um von den hier beobachteten Gewaltspielen eine etwas unschlüssige Verbindung zum Terror und den Gräueltaten des IS herzustellen und schließlich ins politisch-essayistische Sinnieren und Palavern über den Zustand unserer Gesellschaft zu geraten.

Im Verlaufe seiner über Berlin schwebenden Existenz kommen dem Erzähler aber auch die Erinnerungen an seine Jugend in der 1960er-Jahren zurück. Ein Fixstern seiner Erinnerung ist neben seiner an Krebs gestorbenen Frau sein Freund Gerhard, ein generöser, freundlicher Mann, der dank einer Erbschaft sein Leben nach Gutdünken gestalten konnte und über den er bei einem zufällig belauschten Gespräch ein erschütterndes Geheimnis erfährt.

Im letzten Teil des Buches versinkt der Erzähler in verschwurbelten Fragen nach dem Sinn des Lebens und der Rolle Gottes, sodass er sich schließlich selbst zur Räson rufen muss: „Halt! Schluss! Hör auf, in deinem Wortbrei rumzustöbern, um einen Sinn darin zu finden. Schweig! Stirb! Stirb ganz.“

Nach einem höchst originellen Einstieg voller Witz und Geist gleitet dieser Roman von Sibylle Lewitscharoff in ein mittelmäßiges anekdotisch-essayistisches Erzählen ab und führt den Leser in einem dritten Schritt in eine schwer verdauliche metaphysische Sackgasse – um ihn dann ganz zum Schluss doch noch einmal zu überraschen und Licht in das Geschehen zu bringen.

Sybille Lewitscharoff: Von oben. Suhrkamp, 240 S.


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