Nach „Geschichte der Bienen" und „Geschichte des Wassers" „Die Letzten ihrer Art": Maja Lundes Suche nach dem großen Ganzen

Von dpa

Die Schriftstellerin Maja Lunde im Literaturzug. Foto: Jens Kalaene/zb/dpaDie Schriftstellerin Maja Lunde im Literaturzug. Foto: Jens Kalaene/zb/dpa

Oslo. Mit der „Geschichte der Bienen" hat sich Maja Lunde international einen Namen gemacht. Nach Bienen und Wasser richtet sie ihr Augenmerk nun auf den Kampf für aussterbende Arten. Im Fokus stehen Pferde - letztlich geht es der Norwegerin aber um eine ganz andere Art: uns.

Vor wenigen Tagen wurden in London die besten Tierfotos des Jahres gekürt. Das Siegerfoto aus China zeigt ein Murmeltier, das gerade aus dem Winterschlaf erwacht ist und direkt mit den Gefahren der Natur konfrontiert wird: Eine Tibetfüchsin beäugt es mit voller Konzentration, das Murmeltier starrt entsetzt und mit weit geöffnetem Mund zurück, die Todesangst steht ihm ins Gesicht geschrieben.

Was das mit der Erfolgsautorin Maja Lunde zu tun hat? Die Norwegerin hat sich in ihrem neuen Buch „Die Letzten ihrer Art" genau wie der siegreiche Fotograf mit dem so spannenden wie sensiblen Artenreichtum dieses Planeten auseinandergesetzt. Zwar geht es bei Lunde nicht um Murmeltiere und Füchse. Ihre Botschaft ist aber eine ganz ähnliche: Schaut her, wie grandios diese Natur sein kann. Und wie fragil.

Lunde hat sich mit ihrem millionenfach verkauften Durchbruch-Roman „Die Geschichte der Bienen" international einen Namen gemacht. Sie zählt längst zu den Schwergewichten der norwegischen Literatur, die sich gerade auf der Frankfurter Buchmesse von ihrer besten Seite zeigte. Auch Lunde reiste mit Kronprinzessin Mette-Marit und Kronprinz Haakon nach Deutschland, um für ihr Heimatland zu werben.

Interview mit Maja Lunde

Ihr Roman „Die Geschichte der Bienen" stand wochenlang auf den Bestsellerlisten. Nun legt Maja Lunde (44) ein neues Buch vor. Die Norwegerin beschäftigt sich in „Die Letzten ihrer Art" mit den Przewalski-Pferden, die vom Aussterben bedroht waren. „Ich war wirklich fasziniert von diesen Wildpferden und ihrer Geschichte", sagte Lunde im Interview der Deutschen Presse-Agentur.
In Ihrem neuen Buch geht es um eine bedrohte Art. Ist denn Ihrer Meinung nach auch die Menschheit vom Aussterben bedroht?
Momentan sind wir definitiv nicht gefährdet. Wir sind ja sehr viele und unser Einfluss auf den Planeten ist sehr groß. Von daher: Im Augenblick sind wir nicht vom Aussterben bedroht, aber wir werden es sein, wenn wir nicht besser aufpassen auf unser Zuhause.
In Deutschland ist der Klimawandel gerade ein großes Thema. Was halten Sie von Greta Thunberg?
Ich finde, dass Thunberg diesem Kampf eine Stimme gegeben hat. Und sie ist sehr wichtig, weil sie es schafft, Dinge auf einfache und klare Art zu kommunizieren, von denen uns Wissenschaftler schon lange berichten. (...) Die Leute hören auf sie. Ihre Stimme macht einen großen Unterschied.
Wie erklären Sie sich das?
Sie hat etwas Besonderes an sich. Und das, was sie tut, hat etwas Besonderes - der Schulstreik. Das hängt auch mit der heutigen Zeit zusammen, sie trifft einen Nerv in uns. Wir machen uns bereits Sorgen und wir wissen auch Bescheid. Und mit den Streiks und Protesten haben viele Leute einen Weg gefunden, das auszudrücken.
Spielt Thunberg in Norwegen auch so eine große Rolle?
Es wurde viel über sie und über das, was sie macht, geredet. Also ja, sie ist auch in Norwegen ein großes Thema.
Gibt es etwas, was Sie im Alltag gegen den Klimawandel tun und was Sie empfehlen können?
Ich versuche all' die kleinen Dinge zu machen, von denen wir wissen, dass sie wichtig sind. Nicht zu viel Fleisch essen. Versuchen, nicht zu viel zu fliegen. Nicht zu viel Auto fahren. Nicht so viele Dinge kaufen. Gebrauchte Sachen kaufen statt neue. (...) Ich glaube, viele unterschätzen auch, wie wichtig es einfach ist, über solche Dinge zu reden. Auf der Arbeit, mit Nachbarn. (...) Viele von uns sind in der Lage, kleine Veränderungen zu machen.
Autoren haben ja unterschiedliche Gewohnheiten beim Schreiben. Manche zieht es in die Natur, andere müssen alleine sein. Wie ist das bei Ihnen?
Ich schreibe überall (lacht). Ich habe sogar heute im Zug geschrieben. Für mich ist Schreiben ein Rückzugsort. Es ist fast wie Meditation. Ich muss es einfach machen. Wenn ich nicht schreibe, werde ich traurig. Vermutlich bin ich deswegen auch so produktiv, weil ich das Schreiben einfach brauche.
Haben Sie denn immer ein Notizbuch oder einen Computer dabei?
Ich nehme meinen Computer überall mit hin.
Woran haben Sie zuletzt gearbeitet?
Ich habe gerade am Filmmanuskript für die Geschichte „Die Schneeschwester" gearbeitet. Das Buch ist in Deutschland letztes Jahr erschienen. Jetzt wurde es von Hollywood gekauft und ich arbeite am amerikanischen Drehbuch.
Haben Sie erwartet, dass ihre Bücher so populär werden?
Nein, sowas kann man niemals erwarten.
Die Norwegerin Maja Lunde machte sich zunächst mit Drehbüchern und Kinderliteratur einen Namen. In ihren Romanen „Die Geschichte der Bienen" und „Die Geschichte des Wassers" verwebt sie Familiengeschichten in verschiedenen Jahrhunderten - und thematisiert den Wert von Natur. Lunde lebt mit ihrer Familie in Oslo. Zuletzt ist sie mit dem norwegischen Kronprinzenpaar in einem Sonderzug zur Frankfurter Buchmesse gereist, deren Ehrengast Norwegen war. (dpa)

In Zeiten der internationalen Klimaproteste und einem langsam, aber stetig wachsenden Umweltbewusstsein ist Lunde ein gefragter Gast in Frankfurt. Mit ihren Büchern trifft sie den Zahn der Zeit: In der „Geschichte der Bienen" zeichnete sie das Bild eines Planeten, dem die Bienen abhandengekommen sind, im Nachfolgewerk „Die Geschichte des Wassers" wurde dann das Trinkwasser knapp. Zweimal nahm Lunde der Welt eine als selbstverständlich betrachtete, aber unersetzliche Komponente - um aufzuzeigen, wie das menschliche Überleben ohne unsere Umwelt unmöglich werden kann.  

Auch in „Die Letzten ihrer Art" droht die Welt etwas zu verlieren: das Przewalski-Pferd, das letzte echte Wildpferd, ein Schatz der Natur. Lunde schildert die abenteuerliche Suche nach ihm in der Mongolei des 19. Jahrhunderts, lässt eine deutsche Tierärztin in den 1990er Jahren ebenso um seinen Erhalt kämpfen wie eine Norwegerin im Jahr 2064. Wie in den ersten beiden Werken verwebt Lunde Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu einer großen Geschichte. Alles kulminiert am Ende zu einem großen Ganzen, die einzelnen Stränge werden zu einem roten, Jahrhunderte übergreifenden Faden, der von einer Mongolei-Expedition über den führenden Nazi Hermann Göring bis zum drohenden Inferno der Menschheitsgeschichte reicht.

Maja Lunde und ihr neues Buch "Die letzten ihrer Art". Foto: Jens Kalaene/dpa

Besonders spannend ist dabei erneut Lundes Ausblick in die Zukunft. Das Klima ist kollabiert, die Wissenschaft hat mit ihren Erkenntnissen, auf die in der Realität junge Aktivisten wie die Schwedin Greta Thunberg immer wieder hinweisen, Recht behalten. Die Folge ist eine Massenflucht. „Ganz Europa ging, ohne Richtung, ohne Ziel. Schon seit vielen Jahren wanderten die Menschen, die Dürre hatte sie zur Flucht gezwungen. (...) Dann folgte der Kollaps, und der Krieg. Sieben Jahre hielt er an." Man schluckt. „Die Menschen kämpften um Nahrung und Wasser. (...) Niemand siegte. Alle verloren."  

Viele resignieren, Lundes Romanfigur Eva dagegen nicht. Trotz der prekären Lage ringt sie um den Erhalt ihrer beiden Wildpferde, der Art, die ein Russe und ein Tierfänger aus Hamburg - auch sie zwei Protagonisten - 180 Jahre zuvor aus der Mongolei holten, „das Pferd, das vor allen anderen da war, von dem alle Pferderassen abstammen".

Dass Eva dabei ihre eigene Art aus dem Blick verliert, fällt ihr nicht selten erst im Nachhinein auf. Solche tieferen Details machen Lundes Romane so wertvoll: die Kleinigkeiten im großen Ganzen, die die Menschen in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft eint. Menschen machen Fehler. Menschen lieben sich. Menschen wollen Kinder zeugen und für sie da sein, schaffen es aber dann doch nicht. Lunde hält der Menschheit im Jahr 2019 somit einen Spiegel vor: Wer sind wir? Warum sind wir so? Und wie wollen wir eigentlich sein?

Fakt ist: Im Jahr 2019 treten wir die Erde mit Füßen. Der menschliche Einfluss auf den Planeten sei viel zu groß, was Folgen haben könnte, sagte auch Lunde selbst der Deutschen Presse-Agentur: „Im Augenblick sind wir nicht vom Aussterben bedroht, aber wir werden es sein, wenn wir nicht besser aufpassen auf unser Zuhause." Man könnte es auch so wie Evas Tochter Isa ausdrücken: „Der Mensch ist ein besonders dummes Tier, ganz einfach." Oder aber wie ein Mann, dem die Tierärztin Karin begegnet: „Wir Menschen sind wahrlich eine ganz eigene Art."

„Die Geschichte der Bienen" und „Die Geschichte des Wassers" sind immer auch eine Geschichte der Menschen gewesen, im dritten Teil von Lundes angekündigtem Klimaquartett ist das nicht anders. Diesmal hat ihre Geschichte auf 640 Seiten einige Längen, die man der Autorin aber verzeiht - spätestens dann, wenn man in einigen Jahrzehnten ihre Bücher hervorholt und prüft, ob ihre Zukunftsvisionen eingetreten sind - oder ob wir am Ende doch noch die Kurve gekriegt haben. 


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