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10.10.2019, 15:12 Uhr LITERATURPREIS AUCH AN TOKARCZUK

Akademie überrascht mit Nobelpreis für Peter Handke

Ein Kommentar von Dr. Stefan Lüddemann


Die große Überraschung: Der Literaturnobelpreis geht an Peter Handke. Foto: Daniel Maurer/dpaDie große Überraschung: Der Literaturnobelpreis geht an Peter Handke. Foto: Daniel Maurer/dpa

Osnabrück. Zuletzt machte die Schwedische Akademie nur noch mit hässlichen Sexskandalen Schlagzeilen. Jetzt lässt sie mit der Vergabe der Literaturnobelpreise für 2018 und 2019 aufhorchen. Vor allem das Votum für Peter Handke zeugt von großem Mut.

Zwei Literaturnobelpreise in einem Jahr - musste das nicht zur Farce geraten? Die Schwedische Akademie war verlacht und bespöttelt worden für ein Procedere, das ein schäbiger Skandal um Macht und Missbrauch erzwungen hatte. Aber nun sorgen die Juroren für eine faustdicke Überraschung. Vor allem die Entscheidung für Peter Handke spricht für ausgesprochenen Mut. Handke galt wegen seiner Haltung im Balkankrieg als kaum noch preiswürdig. Auf den Düsseldorfer Heine-Preis verzichtete er nach erregter Debatte um seine Person gleich ganz. Jetzt votiert die Schwedische Akademie für den großen Autor und gegen den Mainstream der Verurteilung, für die Literatur und gegen die Politik. Hier weiterlesen: Literaturnobelpreise an Peter Handke und Olga Tokarczuk.

Olga Tokarczuk erhält den Literaturnobelpreis für das Jahr 2019. Foto: Matt Crossick/PA Wire/dpa

Das gilt ein Stück weit auch für die polnische Autorin Olga Tokarczuk, die zwar die in Polen unbequemen Fragen nach Fremdenhass und historischer Schuld stellt, sich aber auf ein politisches Anliegen nicht festlegen lässt. Wie Peter Handke auch schreibt sie vor allem sprachmächtige Bücher voll poetisch starker Bilder. Ihre Romane erforschen die Geschichte - nicht als abstrakte Historie, sondern als Erinnerung der Menschen. Sie setzt damit, ebenso wie Handke, Imagination und Einbildungskraft des Romans gegen das Nützlichkeitsdenken von Politik und Ökonomie. Genau darin besteht die unverzichtbare Leistung der Literatur wie die der anderen Künste.

Das Votum aus Stockholm hat Erwartungen auch deshalb konterkariert, weil zwei Autoren aus Europa ausgezeichnet wurden. Im Vorfeld waren vor allem Autorinnen und Autoren aus Afrika als Favoriten hoch gehandelt worden, neben den jedes Jahr aufs Neue genannten Namen aus den USA. Der aktuelle Entscheid lenkt den Blick auf die Tatsache, dass es auch in Europa weiter starke, weil unverkennbare literarische Stimmen gibt. Peter Handke musste ohnehin als ein seit Jahren zu Unrecht übergangener Autor gelten. Elfriede Jelinek hat vollkommen recht: Handke hätte lange vor ihr ausgezeichnet werden müssen. Nur wenige Autoren haben eine derartige Werkbiografie vorzuweisen, die vom jugendlichen Revoluzzer, der 1966 in Princeton die Versammlung der Gruppe 47 mit seiner Radikalkritik aufmischte, bis zum weisen Sinnsucher der Literatur reicht.

Die Stockholmer Akademie hat in den letzten Jahren mit manchen Entscheidungen für Aufsehen gesorgt. Zuletzt schlug die Preisvergabe an Bob Dylan wie eine Bombe ein, schien damit doch die Grenze zwischen Popkultur und hoher Literatur ein für allemal eingeebnet zu sein. Jetzt wird sie ein Stück weit wieder klarer gezogen. Die Literaturnobelpreise gehen an zwei literarische Stimmen von höchster Qualität und unverkennbarer Individualität. Mit ihren Voten zeigt die Akademie Mut zur Kontroverse und dass mit ihr nach hässlichen Skandalen wieder zu rechnen ist. Für 2018 und 2019 ist ihr jedenfalls ein weiser Ratschluss gelungen.

 


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