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Wie gefährlich ist Beuys? Mit der neuen Biografie von HP Riegel ist ein Kulturkampf um die Kunstikone entbrannt


Düsseldorf. Wer war Joseph Beuys? Provokateur, Sinnstifter, Kunstschamane? Nein, sagt Hans Peter Riegel. Er sieht Beuys als Vertreter völkischen Gedankenguts, als Hochstapler und Agent der Anthroposophen. Mit seinem Buch „Beuys. Die Biographie“ greift er ein Denkmal an.

Der von Legenden umwobene Jahrhundertkünstler im Faktencheck: So scheinbar nüchtern geht Hans Peter Riegel , früher Assistent des 2007 verstorbenen Künstlers Jörg Immendorff , an Beuys heran. Und der ist nicht irgendwer. Mit Filz und Fettecke, Hut und Anglerweste avancierte er zum Markenzeichen: Joseph Beuys inszenierte Kunst als Spektakel mit Erlösungsanspruch . Heute ist er ein Kunstdenkmal – als Figur, die Deutschland nach 1945 toleranter, weltoffener, zukunftsfähiger gemacht hat. So weit der allzu bequeme Konsens. Biograf Riegel bringt diese Lesart wirkungssicher gehörig durcheinander. Kein Wunder: Der Mann ist Werbe- und damit Medienprofi.

Auf rund 600 Seiten gleicht er die Legende Beuys mit der Wirklichkeit ab, listet in 1300 Fußnoten seine Belege auf. Warum hat Beuys Pazifismus gepredigt, sich aber mit alten Kriegskameraden getroffen? Wie konnte er Akademieprofessor werden – ohne Abitur? Wie war es möglich, dass Beuys sich politisch links gab und doch, so Riegels Sicht, autoritären Denkmustern verhaftet blieb? Riegel attackiert mit drei Thesen. Jede detoniert wie eine Bombe, gegen das Denkmal Beuys geworfen.

These eins: Beuys hat seinen Lebenslauf bewusst geschönt. „Er hat aus seiner Kindheit eine Legende gestrickt, versucht, sich zu erhöhen“, sagte Riegel bei der Vorstellung seines Buches im Düsseldorfer Heinrich-Heine-Institut . Riegel pflückt Beuys’ eigene Darstellung „Lebenslauf Werklauf“ ebenso wie die von Beuys beglaubigte Biografie auseinander, die Götz Adriani, Winfried Konnertz und Karin Thomas in den Siebzigerjahren vorlegten. Riegel zeigt, dass Beuys sein Leben zu einem Konstrukt aus Legenden gemacht hat. Beuys behauptete, wissenschaftliche Studien absolviert zu haben. Riegel kontert: Er hatte nicht einmal Abitur. Beuys gab viel auf seine bürgerliche Herkunft. Riegel respektlos: Beuys sei womöglich in einem Hauseingang zur Welt gekommen.

These zwei: Beuys hat sein Weltgebäude nicht selbst erfunden, sondern komplett von Rudolf Steiner, dem Gründer der Anthroposophie, übernommen. Riegel: „Beuys fühlte sich von Steiner beauftragt.“ War der Künstler also nichts weiter als der Missionar einer Weltanschauung, die der Beuys-Biograf für totalitär hält? Riegel stellt Zitate von Steiner und Beuys nebeneinander. Manche Textparallele ist in der Tat erstaunlich. Aber was sagt das?

These drei: Beuys hat sich von seinen Kriegserlebnissen nicht distanziert und völkisches Gedankengut weitergetragen. „Beuys war nie ein Linker“, greift Riegel den Beuys-Konsens frontal an. Beuys habe sich mit Alt-Nazis wie seinem Sammler Karl Ströher umgeben, sagt Riegel jetzt. Der linke Beuys – auch das eine leere Legende?

Als Polemik können Riegels Thesen nicht abgetan werden. Dafür sind sie durch zu viele Fakten gestützt. Sein Buch hat, so stilistisch ungelenk es auch geraten sein mag, die Beuys-Debatte unerwartet heftig angestoßen. Die Kontroverse, die jetzt in den Medien um den Kunstschamanen losgebrochen ist, erinnert an den heftigen Disput, der seinerzeit um die SS-Vergangenheit von Günter Grass tobte. Mit der Person Beuys steht, wie bei Günter Grass, auch das kulturelle Selbstverständnis der Bundesrepublik zur Debatte. So groß muss die Dimension dieser zentralen Figuren schon angesetzt werden.

Natürlich sind viele Entdeckungen Riegels nicht neu. Schon vor Jahren entlarvten Forscher die „Tartarenlegende“ von Beuys’ angeblicher Rettung vor dem Kriegstod durch Tartaren, die Beuys in Filz gehüllt haben sollten. Vor Jahren nannte Kunsthistoriker Beat Wyss Beuys bereits den „ewigen Hitlerjungen“. Aus seiner Faszination für Rudolf Steiner hatte schon der Künstler selbst kein Hehl gemacht. Viel ärgerlicher: Riegel befragt Dokumente wie „Lebenslauf Werklauf“ von Beuys mit dem Anspruch faktischer Richtigkeit. Das kann von einem solchen Dokument aber nicht erwartet werden.

Beuys hat sein Leben nicht einfach geschönt, er hat es zum Kunstwerk gemacht – wie übrigens viele andere Künstler auch. Gerade für Beuys waren Leben und Kunst eins. Riegels Recherche hilft, die Selbststilisierungen des Künstlers besser einzuschätzen. Mehr nicht. In anderen Punkten greift der Autor zu kurz. Hat Beuys wirklich nur Steiner rezipiert? Was ist mit Goethe, der Romantik, Nietzsche? Von all dem findet sich zu wenig in dem Buch. Riegel schildert Beuys’ geistige Welt zu eindimensional.

Vor allem hat er kein Gespür dafür, dass Kunstwerke mehr sind als die Summe der Einflüsse, die auf den Künstler wirkten. Riegel leitet Kunstwerke monokausal aus Fakten ab. Gerade damit verfehlt er seinen Gegenstand.

Und was ist mit dem Friedensengagement des Künstlers, mit seiner Idee, dass jeder Mensch ein Künstler, also kreativ und wertvoll sei? Riegels praller Beuys-Block bleibt viele Antworten schuldig. Eines leistet er: Die Debatte um ein Denkmal läuft. Und die war überfällig.

HP Riegel: Beuys. Die Biographie. Aufbau Verlag. 607 Seiten. 28 Euro. www.aufbau-verlag.de


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