Priester als Verbrecher Scham und Wut: Ein realer Fall wühlt auf. Auch im Kino.

Der gutbürgerliche Katholik und Familienvater Alexandre (Melvil Poupaud) erinnert sich wieder an seine Zeit als Opfer und bringt einen Stein ins Rollen.  Foto: Pandora FIlmverleih/dpaDer gutbürgerliche Katholik und Familienvater Alexandre (Melvil Poupaud) erinnert sich wieder an seine Zeit als Opfer und bringt einen Stein ins Rollen. Foto: Pandora FIlmverleih/dpa

Osnabrück. "Gelobt sei Gott" vpn Francois Ozon ist ein bewegender Film zum Thema "Sexueller Missbrauch in der Kirche"

Manchmal wirken die übelsten Verbrecher wie ganz normale Menschen. Wie freundliche Mitbürger. Und wenn es sich dann auch noch um Respektspersonen handelt dann können sie ihre Untaten jahrelang begehen. Hundert- oder sogar tausendfach. Wie im Fall des Priesters Bernard Preynard in Lyon. Er führte nicht nur jahrelang eine Gruppe von Pfadfindern, sondern missbrauchte viele Jungen sexuell. 

Als der gutbürgerliche Katholik und Familienvater Alexandre (Melvil Poupaud) sich wieder an seine Zeit als Opfer erinnert, bringt er einen Stein ins Rollen. Gespräche mit dem zuständigen Kardinal führen, trotz scheinbarer Anteilnahme, zu nichts. Schlimmer noch: Preynard arbeitet immer noch mit Kindern zusammen. 

Nach und nach finden sich daraufhin immer mehr Missbrauchsopfer zusammen. Etwa der Atheist François (Denis Ménochet) oder der in prekären Verhältnissen lebenden Emmanuel (Swann Arlaud). Sie schließen sich, oft gegen den Widerstand von Familienmitgliedern, zusammen, gründen die Webseite „La parole libértée“ („Das gebrochene Schweigen“), verklagen den Täter, aber auch die Kirchenoberen, die den Skandal lange vertuschten, helfen sich gegenseitig.

„Dieser Film ist Fiktion. Basiert aber auch einer wahren Geschichte“, so steht es im Vorspann des neusten Dramas von Frankreichs Starregisseur François Ozon („Frantz“, „8 Frauen“). Er bezieht sich auf einen realen Fall, der sich auch nach der Uraufführung des Films auf der Berlinale jüngst weiter entwickelte. Inzwischen ist der Lyoner Kardinal Barbarin zu einer halbjährigen Bewährungsstrafe verurteilt worden, weil er um die Verbrechen des Priesters Preynard wusste, diese aber deckte. Politisch hatte der Skandal ebenfalls Auswirkungen: Die Verjährungsfrist für die juristische Aufarbeitung für sexuellen Missbrauch wurde erhöht. Denn viele Opfer, auch dies zeigt der Film eindrucksvoll, trauen sich nicht, über „die Sache“ zu sprechen, verdrängen oder leiden still. Zum Beispiel aus Scham, weil sie Katholiken sind, oder sie keine Unterstützung zu erwarten haben.

Ozon konzentriert seine Geschichte vor allem auf drei Hauptpersonen, lässt die Fakten sprechen, benutzt dazu reduzierte filmische Mittel. Ein kluger Zug: So wirkt die Geschichte umso authentischer.

Viele Filme haben sich in den letzten Jahren des Themas „Missbrauch durch Priester“ angenommen. Etwa Pedro Almodóvar mit seinem barocken „La Mala Education“ (2004), das mit Oscars ausgezeichnete Drama „Spotlight“ (2016), der belgische Rachethriller „In the Name of the Son“ (2013) oder der polnische Film „Kler“ (2018), der gar eine ganze Nation spaltete. Sie alle zeigen: Das Thema ist aktuell und berührt nicht nur die zahlreichen Opfer.

Jeder dieser Filme ist Ausdruck eines bestimmten Stils. Mal wütend, mal melodramatisch, mal Tabu-brechend.

„Gelobt sei Gott“ zeigt das Drama, dass ich um sexuelle Gewalt und ihre Opfer dreht, auf fast zurückhaltende Weise, Dass der Film, gerade am Ende, aber so sehr packt, macht seine ganz große Starke aus. Zweifellos: "Gelobt sei Gott" ist  einer der besten und wichtigsten Filme des Jahres.

„Gelobt sei Gott“ (F/B 2019). R.: François Ozon. D.: Melvil Poupaud, Swann Arlaud, Bernhard Verley, François Marthouret. 137 Minuten. FSK: ab 6


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN