Starkes Sozialdrama „Systemsprenger“ kommt ins Kino: Wie stehen die Oscar-Chancen?

Systemsprenger: Helena Zengel als Benni. Foto: Yunus Roy Imer / Port au Prince PicturesSystemsprenger: Helena Zengel als Benni. Foto: Yunus Roy Imer / Port au Prince Pictures 

Berlin. Nora Fingscheidts „Systemsprenger“ läuft an. Ihr Kinderstar dreht jetzt in Hollywood. Wie stehen die Oscar-Chancen?

So schnell kann es gehen. Anfang des Jahres war Nora Fingscheidt eine selbst Cineasten kaum bekannte Hochschulabsolventin. Und Helena Zengel eine Schülerin, die ein paar Film- und Fernsehauftritten hinter sich hatte. Im Februar gewann ihr gemeinsamer Spielfilm „Systemsprenger“ dann bei der Berlinale einen der Hauptpreise. Und jetzt dreht die elfjährige Schauspielerin mit Tom Hanks. Und auf der Regisseurin ruhen die Hoffnungen der ganzen Branche: Ihr Film ist der deutsche Vorschlag für den Auslandsoscar. 


Helene Zengel als Benni

Zengel spielt in dem Sozialdrama eine Neunjährige, die wegen ihrer aggressiven Ausbrüche ein Zuhause nach dem anderen verliert: Pflegefamilie, Wohngruppe, Inobhutnahmestelle – nirgendwo kann Benni bleiben. „Systemsprenger“ ist der inoffizielle Ausdruck für so ein Kind, an dem sämtliche Instanzen der Jugendfürsorge scheitern. Am Anfang des Films sind es 25 Heime, die das Mädchen nicht aufnehmen wollen, wenig später beträgt die Zahl schon 37; und bei den runden Tischen, an denen Ärztinnen, Pädagogen und Beamte Bennis Schicksal beraten, kommen immer hilflosere Vorschläge: Afrikanische Erziehungscamps, Psychopharmaka oder gleich die Geschlossene – lauter Optionen, für die das Grundschulkind eigentlich schon wegen seines Alters nicht infrage kommt.

Vor der Einweisung aber zeichnet sich noch ein Strohhalm ab: Micha, sonst Anti-Gewalttrainer für straffällige Teenager, nimmt Benni für eine Eins-zu-eins-Betreuung mit in eine Heidehütte. Tatsächlich finden die beiden eine gemeinsame Ebene. Das zunächst abweisende Kind akzeptiert Micha, baut Vertrauen auf und findet in ihm den Halt, der ihrem getriebenen Leben bislang fehlte. Gleichzeitig aber bringt sie den jungen Mann, der gerade eine eigene Familie gegründet hat, an seine professionellen Grenzen.

Schauspielkino mit Mann und Kind

Bei der Berlinale wurde Fingscheidts Sozialdrama schnell als Entdeckung gehandelt – und das sicher nicht zuletzt wegen der Darstellerleistung: Wenn Benni ältere Kinder gleich in Gruppenstärke niederringt, vorbeifahrende Autos anbrüllt und im Heim das „unzerstörbare“ Sicherheitsglas einschmeißt, überrennt Helena Zengel das Publikum genauso wie die Figur ihre Umwelt. Albrecht Schuch, der sich dem Kind als Micha mit sorgenvoller Härte in den Weg stellt, kombiniert in seiner tollen Männerfigur Stärke und Fürsorge.

Das Schauspiel wirkt auch deshalb so intensiv, weil die Inszenierung die Haltung der Figuren verstärkt. Das gilt für Bennis Ausbrüche, die Fingscheidt nicht aus der problematisierenden Sicht der Betreuer wahrnimmt, sondern auch als Ausdruck eines gewaltigen Lebenswillens deutet – so sehr das Kind sich und andere auch in Gefahr bringt. Und auch in Michas nüchterner Konzentration auf Benni erkennt man die Regisseurin wieder, die ihre emotionalsten Momente der schlichten Realität von Klinikfluren und verregneten Wäldern abgewinnt. Den Blick, den Micha und das sedierte Kind durch ein Krankenhausfenster austauschen, vergisst man genauso wenig wie Bennis „Mama“-Schrei, auf den in der Wildnis nur das Echo antwortet.

Systemsprenger und die Oscars

Die poetische Kraft solcher Bilder ist – gerade im Sozialdrama – genauso erfreulich wie der vollständige Verzicht auf Schuldzuweisungen. „Systemsprenger“ prangert nichts an, nimmt sein Drama stattdessen hin und weckt Empathie. Als Oscar-Vorschlag bricht Nora Fingscheidts Spielfilm-Debüt dabei die Auswahlroutine, bei der das deutsche Kino sich sonst bevorzugt über historische Stoffe präsentiert – mit Filmen zur NS-Zeit, der DDR, den 68ern. Oder mit allem zusammen, wie zuletzt im Fall von Henckel von Donnersmarks „Werk ohne Autor“. Gegen Schwergewichte wie Almodóvar oder Bong Joon-hos Cannes-Sieger „Parasite“ tritt die kleine Produktion nun unübersehbar als Außenseiter an. Dass Helena Zengel aber schon jetzt mit Tom Hanks zusammenarbeitet – und das in einem Film des „Bourne“-Regisseurs Paul Greengrass – das beweist: Hollywood hat den „Systemsprenger“ wahrgenommen.

„Systemsprenger“. D 2019. R: Nora Fingscheidt. D: Helena Zengel, Albrecht Schuch, Gabriela Maria Schmeide. 118 Minuten. FSK ab 12 Jahren.

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