"Der Ring des Nibelungen" Minden feiert sein "Rheingold" - Wagner-Mammutprojekt legt fulminanten Start hin

Von Thomas Achenbach, 13.09.2019, 10:01 Uhr
In Minden leuchtet wieder "Der Ring des Nibelungen" - nicht nur als Lichterrund auf der Bühne, auf der die Nordwestdeutsche Philharmonie sitzt und spielt. Foto: Friedrich Luchterhandt

Minden. Die ersten Bravo-Rufe erklingen schon, als die Rheintöchter als erste der Gesangssolisten zum Schlussapplaus auf die Bühne kommen. Und von da an geht es ungebrochen weiter mit Bravos. Minden feiert sein „Rheingold“, das am Donnerstag als Auftakt eines ersten komplett gezeigten Zyklus des „Rings des Nibelungen“ von Richard Wagner im dortigen Stadttheater erneut zur Aufführung kam, das erste Mal seit der dortigen Premierenspielzeit in 2015.

Wobei sich die Frage stellt, wieviele der rund 500 Zuschauer tatsächlich aus Minden stammen. Nicht nur die Autokennzeichen im nahen Parkhaus sprechen eine andere Sprache (u. a. sind zu sehen: Duisburg, Hamburg, natürlich auch Osnabrück), sondern auch die Ankündigungen der Verantwortlichen. Gäste aus Australien, den USA und dem baltischen Raum hatten sich für diese Aufführung und die folgenden Karten gekauft.  

Und zu Recht. Hierhin zu kommen, ins beschauliche Minden an der Weser, ist für Klassikfans derzeit eine gute Wahl: Denn eine Wagner-Oper in dieser musikalischen Qualität lässt sich selten irgendwo erleben, schon gar nicht in einem der üblichen Stadttheater mit festen Ensembles und dauergekürzten Budgets. Von solcherlei Schreckgespensten braucht sich in Minden niemand beeindrucken lassen: Alle Aufführungen sind finanziert durch private Spenden, Mäzene, Eintrittskarten, Stiftungen und die Arbeit des hier ansässigen Richard-Wagner-Verbands, dessen großer Verdienst für die Klassikwelt hier das vorherrschende Gesprächsthema ist.  

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Alberich lässt seine Untertanen die Macht des magischen Rings spüren: Heiko Trinsinger überzeugt als Nibelung im Rheingold in Minden. Foto: Dorothée Rapp


Es muss wohl eine ganze Menge an Geld zur Verfügung stehen, jedenfalls lassen die Qualität des Sängerensembles und der Musiker so etwas ahnen. Die sich rein auf die Figurenkonflikte konzentrierende Regie des 78-jährigen Theaterveteranen Gerd Heinz ist ebenso unaufdringlich wie die recht zeitlos gehaltenen Kostüme von Frank Philipp Schlößmann, der auch das zweckmäßige Bühnenbild verantwortet. Dies besticht durch Reduktion und witzige Einfälle: Wenn sich Alberich in eine Kröte verwandelt, kommt ein Statist mit einer Puppenfigur auf die Bühne, die er im Takt der Musik auf- und abhüpfen lässt. Und wenn der Nibelung unter dem Tarnhelm verschwindet, wird einfach von zwei Statisten ein dunkles Tuch über ihn gelegt. 

Mehr braucht es nicht. Was Ausstattung und Tricktechnik nicht möglich machen, erzählen eine stimmungsvolle Lichtführung – und vor allem die Musik. Die Nordwestdeusche Philharmonie aus Herford sitzt auf der Bühne hinter einem durchsichtigen, aber mit Laserprojektionen bespielten Gaze-Vorhang. Was den Darstellern somit vorne als Spielfläche bleibt, hat Regisseur Gerd Heinz einst als „Nudelbrett“ bezeichnet. Unter der Leitung von Frank Beermann bietet das Orchester einen derart feinsinnigen Transparenzklang, dass es dafür zu Recht einen der lautesten Bravo-Stürme im Schlussapplaus erntet.  

Die Reise in die Unterwelt wird als Laserprojektion auf dem Vorhang gezeigt. Foto: Dorothée Rapp


Das Ensemble ist durchweg überzeugend und hat sich jedes Einzelbravo verdient. Keiner muss hier das letzte an Stimmkraft herauspressen, der Gesang ist fließend, tragend und vollkommen klar – und trotz hoher Textverständlichkeit oft mächtig laut. Allen voran Tenor Thomas Mohr als listig-charismatischer Loge und Heiko Trinsinger als stimmgewaltiger Alberich. Aber auch die im Rheingold noch sehr kleinen Rollen wie der Mime sind herausragend besetzt – Jeff Martin macht aus ihm einen Lausbub mit prägendem Charaktertenor.

Für die nun folgende Walküre am Sonntag, 15. September, ist wohl nichts mehr zu machen, was Karten angeht. Ausverkauftes Haus und ein Wagnerprojekt in musikalischer Wollust – wäre es nicht schon überstrapaziert, man wäre gern geneigt, erneut das Wörtchen vom Wagner-Wunder zu bemühen. Auf jeden Fall: Ein Erlebnis. 

Mehr zum Thema: Minden wird wieder zum Klassik-Mekka für Opernfans - der Ring in Gänze

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