Ab Donnerstag neu im Kino "Gut gegen Nordwind" - Gelungene Briefromanverfilmung

Schon klar. Emma (Nora Tschirner, r.) und Leo (Alexander Fehling) haben sich noch nie gesehen, würden sich aber auf Anhieb erkennen. Oder? "Gut gegen Nordwind". Ab Donnerstag neu im Kino. Foto: Anne Wilk/Sony Pictures/dpa.Schon klar. Emma (Nora Tschirner, r.) und Leo (Alexander Fehling) haben sich noch nie gesehen, würden sich aber auf Anhieb erkennen. Oder? "Gut gegen Nordwind". Ab Donnerstag neu im Kino. Foto: Anne Wilk/Sony Pictures/dpa.

Osnabrück. Die Verfilmung von Daniel Glattauers Bestseller „Gut gegen Nordwind“ mit Nora Tschirner und Alexander Fehling lebt vom Wortwitz der Vorlage, leidet aber unter unnötigen Längen.

Wem ist das nicht auch schon einmal passiert? Ein einziger Tippfehler, ein falscher Buchstabe – und schon landet die E-Mail nicht dort, wo sie eigentlich hin soll. Häufig hat man Glück und ein gewisser Mailer Daemon weist mit automatischer Erbarmungslosigkeit darauf hin, dass die E-Mail nicht zugestellt werden kann.

Aber mitunter kann so eine aus Versehen fehlgeleitete Elektropost auch unerwartete, manchmal sogar regelrecht romantische Folgen haben. Wie zum Beispiel im Film „E-Mail für Dich“ aus dem Jahre 1998. Oder nun ganz aktuell in der Verfilmung von Daniel Glattauers Bestseller „Gut gegen Nordwind“.

Hier möchte Emma Rothner (Nora Tschirner) eigentlich nur ein Abonnement per E-Mail kündigen. Und landet damit wegen eines kleinen Tippfehlers bei Leo Leike (Alexander Fehling). Der von der Liebe arg enttäuschte Linguist ignoriert die sich im Tonfall verschärfenden Kündigungsversuche zwar zunächst. Aber zu Weihnachten kommen sich die beiden dann doch virtuell näher. Zunächst natürlich im Streit, wie es sich zu Beginn einer wunderbaren Romanze geziemt. Aber schon bald wird mehr daraus, und die beiden schütten sich gegenseitig per Mail ihre Herzen aus.

Allerdings ohne sich jemals zu sehen. Keine Bilder – jeder Versuch, sich gegenseitig zu googeln ist tabu! Trotzdem sind sich die beiden verbalen Turteltäubchen sicher, sich auch so zu erkennen. Aber wollen sie das wirklich?

Vanessa Jopps Verfilmung der Romanvorlage nach der Drehbuchadaption von Jane Ainscough wirkt ein wenig aus der Zeit gefallen. Nicht etwa, weil die dem Buch zugrunde liegende Gattung des Briefromans veraltet erscheinen könnte. Ganz im Gegenteil. Diese Gattung erfreut sich spätestens seit Goethes „Die Leiden des jungen Werthers“ (1774) bis heute gerade bei jungen Lesern hoher Beliebtheit. „Gut gegen Nordwind“ wirkt vielmehr deswegen etwas angestaubt, weil heutzutage kaum noch jemand in Echtzeit via E-Mail kommuniziert. Für so etwas nutzt man längst Apps, Messenger-Dienste und das ganze soziale Gedöns, das es freilich im Jahre 2006, als Glattauer seinen Roman veröffentlichte, noch nicht in der heutigen Form und Fülle gab.

Aber sei's drum. Die Inszenierung der Romanvorlage, die es auch schon als Zweipersonenstück auf die Theaterbühnen brachte, wirkt trotzdem über weite Strecken gelungen.

Der dramaturgisch in drei Akte gegliederte Film fällt zunächst einmal durch die körperliche Abwesenheit der Protagonistin Emma (Tschirner) auf. Es dauert eine geschlagene Dreiviertelstunde, bis sie ins Bild kommt. Und auch dann erfährt das Publikum nur sehr allmählich und bruchstückhaft, wie es um die Protagonistin persönlich bestellt ist. Wie ihre Familienverhältnisse einzuordnen sind. Und wieso um alles in der Welt sich diese Frau, die doch eigentlich glücklich sein müsste, in diese virtuelle Romanze mit einem Fremden flüchtet.

Der wiederum deutlich eindimensionaler bleibt. Unter einer unglücklichen Beziehung leidet. Und für den die virtuelle Beziehung mit einer Unbekannten die einzige Flucht ist, die er hat und die er sich auch nicht von der Realität nehmen lassen möchte.

Tschirner und Fehling spielen ihre Rollen glaubwürdig, wenn auch beinahe zu ernst. Aber der Wortwitz der Vorlage lockert die etwas schwermütig geratene Romanze dann doch meistens wieder an den entscheidenden Stellen auf. Das größte Manko des Filmes ist seine Laufzeit. Zwei Stunden sind einfach zu viel und erzeugen unnötige Längen, in denen man als Zuschauer schon mal sein Smartphone zücken und bei WhatsAuchImmer nach dem neuesten Stand der Dinge schauen möchte.

Gut gegen Nordwind. D 2019. R.: Vanessa Jopp. D.: Nora Tschirner, Alexander Fehling, Ulrich Thomsen, Claudia Eisinger. Laufzeit: 122 Minuten. FSK: ohne Altersbeschränkung. Cinema Arthouse, Filmpassage.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN