Neu im Kino Der Wal ist uns voraus: die Doku „The Whale and the Raven“

The Whale and the Raven. Foto: Mindjazz PicturesThe Whale and the Raven. Foto: Mindjazz Pictures 

Berlin. Mirjam Leuzes „The Whale and the Raven“ geht über klassische Tierdokus hinaus – und schildert das Tier auf Augenhöhe.

„Ich glaube immer noch“, sagt Hermann Meuter über die Wale, deren Leben er an Kanadas Westküste erforscht, „dass sie uns im Sozialverhalten voraus sind. Ich glaube, wir Menschen hören sowas nicht gerne. Wir glauben immer noch, die Krone der Schöpfung zu sein. Alle anderen sind Tiere, die keinerlei Rechte haben. Die abhängig sind von unserer Bereitschaft, sie zu schützen.“ Der Mensch ist nicht das Maß aller Dinge: Mit dieser These spricht Meuter den Leitgedanken von Mirjam Leuzes „The Whale and the Raven“ aus. 


Die Dokumentarfilmerin begleitet die Arbeit der Walforscher Meuter und Janie Wray, die seit 15 Jahren die Orcas und Buckelwale vor British Columbia beobachten. Ihre Erkenntnisse haben auch eine politische Bedeutung, seit der Fjord für eine Tankerroute freigegeben wurde. In Zukunft soll hier Flüssiggas transportiert werden – ein Projekt, das die akustische Orientierung der Tiere empfindlich stören würde. In diskreten, meditativen Bildern taucht Leuze in eine bedrohte Welt ein.

Wal und Rabe: Wieso der Titel?

Der Wal und der Rabe, die der Film im Titel trägt, sind dabei keine Tiere – sondern die Namen, unter denen Wray und Meuter von der Gitga’at First Nation „adoptiert“ wurden. Kanadas Ureinwohner nehmen die Tiere ihrer Heimat auf eine partnerschaftliche Weise wahr, die Leuze als Kontrastfolie zum westlichen Modell der Unterwerfung und Nutzbarmachung begreift. Eine der Geschichte aus dem Mythenschatz der First Nations illustriert sie in einer Tricksequenz; sie handelt von einem Unterwasser-Häuptling, der die Menschen Respekt vor der Natur lehrt: Seid dankbar und nehmt nicht mehr, als ihr braucht. Das ist die Botschaft, deren Aktualität auf der Hand liegt.

Der fremde Blick ist gleichberechtigt

Im Respekt vor der fremden Sicht auf die Welt findet Leuze ein Thema, das über den Schau- und Informationswert klassischer Tier-Dokus hinausgeht. Was die Regisseurin in ihrem Ethnologie-Studium gelernt hat, prägt jetzt nicht nur ihren Dialog mit den First Nations, sondern – ganz im Sinne von Meuters Eingangszitat – auch ihre Bilder der Wale. Den Anstoß für ihre Arbeit, berichtet sie, hat die Begegnung mit einem Buckelwal gegeben, der vor Jahren wenige Meter vor ihr aus dem Wasser aufgetaucht ist. Ein Aha-Moment, in dem sie das Tier schlagartig als gleichberechtigtes Gegenüber erkannt hat – um aus diesem Geist heraus nun die Frage zu erkunden, auf welche andere Weise, diese mächtigen Wesen eine Welt erleben, die unseren eigenen Sinnen für immer verschlossen ist.

„The Whale and the Raven“. D/CDN 2019. R: Mirjam Leuze. 101 Minuten. Keine Altersbeschränkung.

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Schauen und lauschen: Hermann Meuter bei der Arbeit. Foto: mindjazz pictures


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