Der Ring des Nibelungen am Ort des "Wagner-Wunders" Minden wird ab 12. 9. wieder zum Opern-Mekka für Klassikfans aus aller Welt

Magische Atmosphäre, Lichteffekte, im Hintergrund das Orchester: Der Mindener "Ring des Nibelungen" wird von Kritikern als ein "Wagner-Wunder" gefeiert. Foto: Friedrich LuchterhandtMagische Atmosphäre, Lichteffekte, im Hintergrund das Orchester: Der Mindener "Ring des Nibelungen" wird von Kritikern als ein "Wagner-Wunder" gefeiert. Foto: Friedrich Luchterhandt

Minden. Wenn im nordrhein-westfälischen Minden am Donnerstag, 12.9., mit dem "Rheingold" ein ganzer Aufführungszyklus von Richard Wagners "Ring des Nibelungen" startet, erfährt dort eines der bemerkenswertesten Opernprojekte des ganzen Landes seinen vorläufigen Höhepunkt: Die gesamte Tetralogie wurde von privaten Kräften initiiert und gestemmt und hat Kritiker wie Publikum bereits überzeugt.

Auf dem Dach des Theaters weht eine kleine Fahne im Wind. Man muss schon etwas genauer hinsehen und um ihre Existenz wissen, dann fällt sie dem Betrachter auf: Das kunstvoll geschwungene W in roter Farbe auf weißem Grund hat einen fast schon barocken Charme an sich. Es ist das Wagner-W, Die Fahne ist die Wagner-Fahne. Sie weht ansonsten an einem anderen Ort: Im knapp 500 Kilometer entfernten Bayreuth.

Foto: Thomas Achenbach

Wenn die Bayreuther Festspiele gelaufen sind, folgen die in Minden – so in etwa erleben es jedenfalls die „Wagnerianer“, also die besonders emsigen Klassikfans, die für eine gute Opernaufführung auch schon mal zahlreiche Kilometer an Reiseweg in Kauf nehmen. Davon gibt es reichlich – und wie weit sie zu reisen bereit sind, zeigt die Liste der Kartenverkäufe bereits jetzt: Zuschauer aus Australien, den USA und sogar ein ausländischer Ministerpräsident als Ehrengast haben sich angesagt, um sich im beschaulichen Minden den vier Opern umfassenden Zyklus rund um den „Ring des Nibelungen“ von Richard Wagner anzusehen. Aber warum gerade dort, wie kommt es dazu?

Theater ohne festes Ensemble stemmt Mammutprojekt

Was hier in dem 525 Sitzplätze plus zehn Stehplätze beherbergenden Mindener Stadttheater geschieht, haben die Feuilletonisten der größten deutschen Zeitungen einhellig als ein „Wagner-Wunder“ beschrieben: Da leistet sich ein Theater, das ansonsten als reines Bespielhaus ohne festes Ensemble betrieben wird, nicht nur die Aufführung der größten und herausfordendsten Wagner-Opern, sondern sogar einen ganzen Ring-Zyklus, der in diesem Jahr erstmals am Stück hintereinander aufgeführt wird, gleich zwei Mal in Folge. 

Szenenfoto aus der Mindener Götterdämmerung. Foto: Friedrich Luchterhandt

Dass es zu einem solchen Mammutprojekt einmal kommen würde, hatte noch keiner geahnt, als der hier in Minden ansässige Richard-Wagner-Verband 2002 mit seinen ersten Opernaufführungen begann. Der Ring startete dann im Jahr 2015 mit dem Rheingold. Daraufhin folgte jedes Jahr eine der weiteren Opern, bis sie jetzt erstmals alle in Folge gezeigt werden. Und das Eindrucksvollste daran: Finanziert werden die Aufführungen zu rund 40 Prozenzt durch private Spenden und Mäzene, die restliche Finanzierung sichern die Kartenverkäufe, die deswegen im höherpreisigen Segment angesiedelt sind, und ein paar Zuschüsse vom Land Nordrein-Westfalen und von verschiedenen Stiftungen. 

Prominenter Besuch kündigt sich an

Dreh- und Angelpunkt ist der Richard-Wagner-Verband Minden mit seinen rund 400 Mitgliedern, deren Beiträge ebenfalls den Opernprojekten zugute kommen. Die Vorsitzende Dr. Jutta Hering-Winckler ist als engagierte Initiatorin und Projektverantwortliche extrem gut vernetzt in der Kunst- und Klassikwelt. Dementsprechend haben auch die Wagner-Erben schon die Aufführungen in Minden besucht.  

Das improvisierte Produktionsbüro im Mindener Theater ist mit stolzen Plakaten geschmückt. Foto: Thomas Achenbach

Vom Mindener Ring-Regisseur Gerd Heinz, der auch schon als Hausregisseur am Züricher Schauspielhaus tätig war, wird erzählt, er habe dieses Wagner- Projekt als eine „lebensverlängernde Maßnahme“ beschrieben. Bisherige Kritiker waren voll des Lobes: Anstatt sich in Deutungswahn zu verlieren, konzentriere sich Heinz auf Kammerspiel und Personenführung. Der Dirigent Frank Beermann war lange Jahre Generalmusikdirektor in Chemnitz und ist in Minden der immer gebuchte Wagner-Spezialist. Was die Nordwestdeutsche Philharmonie aus Herford hier spielt, ist die Lessing-Fassung des Materials, die Richard Wagner selbst authorisiert haben soll und die mit weniger an Musikern auskommt. Obwohl das Orchester bereits auf die Bühne ausweicht, so dass den Darstellern der überbaute Graben als Spielstätte davor übrigbleibt – man nennt es hier gerne das „Mindener Modell“ – , wäre für das volle von Wagner vorgeschriebene Besteck nicht genug Platz. 

Das Stadttheater in Minden. Foto: Sebastian Schüssler

Das bietet viele Vorteile: Manche Gäste kommen alleine deswegen nach Minden, weil die Textverständlichkeit hier besonders gut ist. Zudem ist das Sängerensemble nach Meinung der Kritiker von einer herausragenden Qualität, die an Stadttheatern Seltenheitswert hat. Sänger Andreas Schager hatte in Minden seine erste Wagner-Partie gegeben.

Ein Mann steuert alles - und spielt Bratsche

Das bemerkenswerte Theaterexperiment könnte jedoch nicht funktionieren, wenn nicht Friedrich Luchterhandt als Musikmanager alle Fäden in seiner Hand behielte. Durch einen Zufall war der Bratschist, der in der Nordwestdeutschen Philharmonie seinen Haupt-Arbeitgeber hat, aufgrund einiger Vorerfahrungen im Bereich des Musikmanagement an diesen Job geraten – einen Job, der in der deutschen Theaterwelt einmalig sein dürfte. Luchterhandt kümmert sich eigenhändig um die komplette Finanzplanung, Terminplanung, Dispostion, Dramaturgie, Probenorganisation, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit und die Versorgung der Darsteller mit Wasser und Süßigkeiten und Snacks. Den Reporter empfängt der Vollprofi, der sich gerne mit den Worten "Ich bin Fritz Luchterhandt" vorstellt, stilecht im Ring-des-Nibelungen-Fanshirt. Denn auch das gibt es: ein Merchandising-T-Shirt mit dem für das Mindener Opernprojekt kreierten Logo. Voll ausgebautes Corporate Identity, wenn man so will.

Friedrich Luchterhandt im "Merchandising"-T-Shirt. Foto: Thomas Achenbach

Doch wenn die Aufführungen starten, dann schlüpft der gelassene Theaterprofi in seinen schwarzen Frack und setzt sich als Bratschist zu seinen Musikerkollegen ans Notenpult. Und dann kann sie losgehen, diese Reise, die über den Rhein und die unterirdische Tarnhelmschmiede bis zur verlorenen Burg Walhall führt. Wenn dann am Sonntag, 6. 10., mit den letzten Tönen der Götterdämmerung die Reise beendet ist, dann kann sich auch Friedrich "Fritz" Luchterhandt beruhigt zurücklehnen. Im kommenden Jahr findet in Minden kein Wagnerprojekt statt. Stattdessen steht mal Urlaub mit der Familie auf dem Programm. Und die reguläre Orchesterarbeit. Denn so sehr er die Mindener Wagner-Aufführungen schätzt: „Einfach nur eine Brahms-Sinfonie oder so etwas zu spielen ist auch mal schön", sagt Luchterhandt.

Kunstprojekt ging schief -  Ring wurde abgemäht

Nur eine Sache, dieses Mindener Ring-Projekt betreffend, ist leider kolossal schiefgegangen: Für das begleitende Kunstprojekt "Wagnis Wagner" hatte der Künstler Gunnar Heilmann in einem städtischen Garten einen "Magischen Ring" angelegt. Auf einer Rasenfläche hatte er einen Kreis aus Phacelias - als Bienenfreunde bekannte Blumen - gepflanzt, die im September als blau leuchtendes Rund aufgehen sollten. Doch ein offenbar darüber nicht informierter Mitarbeiter des Grünflächenamts tat im August dann das, was er immer getan hatte:  Er mähte die ganze Fläche einfach ab. Auch den Magischen Ring. So wurde das Wagnis Wagner auch an anderer Stelle zu einem echten Wagnis. 

Foto: Thomas Achenbach

Aufführungen und Verfügbarkeiten: Ein paar Karten für einzelne Vorführungen sind noch verfügbar. Der erste Ring-Zyklus startet mit dem „Rheingold“ am Donnerstag, 12. 9., um 19 Uhr, die vier Aufführungen erstrecken sich bis Sonntag, 22. 9. (Götterdämmerung). Der zweite Zyklus startet am Donnerstag, 26. 9. um 19 Uhr, wobei die beiden Aufführungen der "Wallküre" fast schon komplett ausverkauft sind

Infos und Karten über den Express-Ticketservice, Obermarktstraße 26-30, Telefon 0571 882-77 oder E-Mail an: tickets@express-minden.de.

Termine und Daten:


Der Ring des Nibelungen - Zyklus 1

Das Rheingold I , Do. 12. September 2019, 19 Uhr

Die Walküre I , So. 15. September 2019 , 16 Uhr

Siegfried I, Do. 19. September 2019, 17 Uhr

Götterdämmerung I, So. 22. September 2019, 16 Uhr


Der Ring des Nibelungen - Zyklus 2

Das Rheingold II, Do. 26. September 2019, 19 Uhr

Die Walküre II, So. 29. September 2019, 16 Uhr

Siegfried II, Do. 3. Oktober 2019, 16 Uhr

Götterdämmerung II, So. 6. Oktober 2019, 16 Uhr


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