"Tage des Verlassenwerdens" Rendezvous mit dem Wahnsinn: Ferrantes Bestseller wieder lieferbar

Von Verena Hoenig

Osnabrück. Es passiert täglich, überall auf der Welt: Der Ehepartner geht. Für die Protagonistin in „Tage des Verlassenwerdens“, eine junge Mutter, ist dies jedoch Anlass, an ihrer weiblichen Identität zu zweifeln. Sie schlittert auf ein dunkles Loch zu. Der zweite Roman von Elena Ferrante („Meine geniale Freundin“), 2003 schon einmal auf Deutsch veröffentlicht, war lange vergriffen und ist jetzt in einer neuen Ausgabe wieder lieferbar.

Beim Abräumen des Tischs, an dem die Familie gerade zu Mittag gegessen hat, teilt Mario seiner Ehefrau wie beiläufig mit, sie zu verlassen. Olga, seit fünfzehn Jahren mit ihm verheiratet, hält es für ausgeschlossen, dass er wirklich gehen will. „Wir konnten über alles reden, wir umarmten und küssten uns immer noch gern, und manchmal war er so witzig, dass ich Tränen lachte.“ Doch tatsächlich zieht ihr Mann kurz nach seiner Ankündigung die Wohnungstür hinter sich zu. Versteinert bleibt die 38-Jährige neben der Spüle zurück, ist aber nach einer schlaflosen Nacht sicher, dass es nur eine Frage von Tagen sei, bis sich alles wieder einrenken würde. Schließlich hat Mario keinen der Gegenstände mitgenommen, an denen er hängt, und sich nicht von den Kindern, dem 10-jährigen Gianni und der 7-jährigen Ilaria, verabschiedet.

Obwohl Olga sich fest vornimmt, nicht in Selbsthass zu geraten und vor Sehnsucht nach ihrem Mann zu vergehen, hört sie auf, sich zu kämmen, waschen und schminken. Sie vergisst die Töpfe auf dem Herd oder die Kinder von der Schule abzuholen. Die Verlassene fühlt sich wie eine Pflanze, die man jahrelang gegossen hat und dann plötzlich verdorren lässt. Dann wiederum „angespannt wie ein Stück Eisendraht, der ins Fleisch schneidet“. Statt zu schlafen, schreibt sie lange Briefe an Mario.

Dunkle Zerstörungswut

Nach Monaten des Hoffens trifft Olga ihren Mann zufällig auf der Straße mit einer Frau, halb so alt wie er. Eine dunkle Zerstörungswut überkommt die gedemütigte Olga. Danach nimmt eine häusliche Katastrophe ihren Lauf: Ameisen fallen in die Wohnung ein, Gianni wird krank und der Hund scheint sich vergiftet zu haben. Wie durch einen bösen Zufall funktioniert weder das Telefon noch lässt sich die Haustür öffnen, sodass die eingesperrte Olga keine Hilfe holen kann. Ihren Kindern zuliebe versucht sie mit allen Mitteln den auf sie zu driftenden Wahnsinn aufzuhalten.

Der Nachbar Carrano, ein Cellist, spielt dabei eine Rolle und auch der Geist der „Poverella“, der Ärmsten, einer Frau aus Olgas Kindheit, die ihren Mann nicht halten konnte und sich daraufhin das Leben nahm. Nicht zu vergessen die kleine Ilaria, die von der Mutter dazu aufgefordert wird, ihr immer dann mit der Spitze eines metallenen Brieföffners ins Bein zu pieksen, wenn sie merkwürdige Dinge tut.

Mit chirurgischer Präzision, herber Wucht und immens aufwühlend beschreibt die italienische Autorin Olgas Gefühle, Taten und Gedanken bis in die kleinsten Szenen. Wie in all ihren sprachmächtigen Romanen zieht sie den Leser unmittelbar ins Geschehen. Zwischen Abscheu und Mitleid schwankend, durchlebt er zusammen mit Olga deren Grenzerfahrung und stellt unablässig Mutmaßungen an über die unerklärlichen Dinge, die geschehen. Das Psychodrama endet beinahe märchenhaft.

Mit dem Erscheinen ihres ersten Romans im Jahr 1992 entschied sich Elena Ferrante für die Anonymität. Die Autorin, die so radikal offen weibliche Innenwelten ausleuchtet, gehört zu den ganz Großen.

Elena Ferrante: Tage des Verlassenwerdens. Aus dem Italienischen von Anja Nattefort (Suhrkamp 2019), 253 Seiten, 22 Euro.


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